ADHS - ein Experiment

27.03.2017

Aus WA-Aktuell Ausgabe 94, Juli 2015

Im November 2014 habe ich mit meinem jetzt zehnjährigen Sohn Simon ein Ernährungsexperiment gestartet. Er hat für etwa drei Wochen auf Milchprodukte, glutenhaltige Produkte, Zucker, Hühnerei und Fertigprodukte verzichtet. Normalerweise essen er und sein sechsjähriger Bruder zu Hause vegetarisch, meistens vegan und so roh, wie möglich. In der Schule, bei Freunden und anderen Familienmitgliedern essen sie alles, was sie wollen. Bislang hatte ich mich mit dieser Vorgehensweise arrangiert. Dann wurde bei Simon im Oktober AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) diagnostiziert. Gibt es das überhaupt, fragte ich mich. Aufmerksamkeitsdefzite, Konzentrations-schwierigkeiten und das Problem, sich nicht selbst organisieren zu können, treten fast nur in der Schule auf, seltener zu Hause. Ich stelle deshalb nicht mein Kind in Frage, sondern das System, in dem es sich bilden lassen muss. Er ist ein lieber, kreativer und phantasievoller Junge, der dem Leistungsdruck nicht gewachsen ist. Ich spüre seine Verzweiflung, in der Schule nicht mithalten zu können. Oft bricht er in Tränen aus vor Überforderung. Ich sehe in ihm einen Vogel, der in einem Käfig gehalten wird, unmöglich seine Flügel voll auszubreiten und zu fliegen. Alles was ich tun kann, ist Schadensbegrenzung zu betreiben, ihn zu bestärken und zu motivieren. Unser Experiment ist ein Versuch, seine Konzentrationsfähigkeit zu stärken. Denn die typisch westliche Ernährung enthält einige Bestandteile, die AD(H)S auslösen können. Nicht nur ein Mangel an essentiellen Nährstoffen, sondern auch bestimmte Nahrungsmittel können sich negativ auswirken. Bei mehr als 60 Prozent der betroffenen Kinder kann ein nahrungsmittelinduziertes AD(H)S vorliegen. Folgende Nahrungsmittel lösten in Studien nach Weglassen und dann Wiedereinführen AD(H)S-Symptome aus: Farb- und Konservierungsstoffe, Kuhmilch, Milchschokolade, Weizen, Orangen, Kuhkäse und Hühnereiweiß.

Am ersten Tag konnten wir das Experiment noch nicht zu 100 Prozent umsetzen. Das Schulessen ließ sich für diesen Tag nicht mehr abbestellen. Auf dem Speiseplan standen gefüllte Nudeln mit Käsesauce. Also genau die neolithischen Nahrungsmittel Weizen- und Milchprodukte, die Auslöser für AD(H)S sein können. Auch am zweiten Tag schafften wir es noch nicht ganz, alle schwierigen Lebensmittel wegzulassen. Simon hat von seinem Schulfreund ein Stück Schokolade bekommen und vergessen, dass so etwas erstmal wegfallen soll. Simon beginnt den Tag meistens mit einem großen Obstteller und/oder einem grünen Smoothie oder es gibt ein Dessert aus Bananen, Mandelpüree, Erdmandeln, Braunhirse und Carob. Für das zweite Frühstück packe ich ihm Obst ein oder Gemüse, Sprossen, Vogelmiere und rohe Cracker. Wenn seine Schulfreunde ihr Mittagessen von der Schule bekommen, packt er seine mitgebrachten Speisen aus und isst zum Beispiel Chiamilchreis oder glutenfreies Brot mit Gemüse und Sprossen.

In seiner Box für den Nachmittag befinden sich oft Nüsse, Trockenfrüchte, Hanfsamen, Sesamcracker, Carobschoten, Fruchtleder oder gluten- und zuckerfreie Kekse. Am späten Nachmittag gibt es nach Wunsch noch etwas Obst oder Gemüserohkost, ab und zu auch mal eine Trinkkokosnuss. Am Abend wünscht sich Simon eine warme Mahlzeit. Zur Auswahl stehen Hirse, Quinoa, Buchweizen, Wildreis, Vollkornbasmatireis, Polenta oder glutenfreie Nudeln mit viel Gemüse und ab und zu auch etwas Räuchertofu. Die Nährstoffversorgung ist während der Ernährungsumstellung sehr wichtig. Sprossen, Wild- und Kulturgrün sind die Nahrungsmittel mit der höchsten Nährstoffdichte. Proteine werden beim Weglassen von Milchprodukten und Eiern vor allem über Sprossen, Blattgrün, Chia, Hanfsamen und Quinoa aufgenommen. Zink ist ein wichtiger Nährstoff, es gehört zu den Spurenelementen, die am häufigsten im Gehirn vorkommen. Gute pflanzliche Zinkquellen sind zum Beispiel Alfalfasprossen, Linsensprossen, Hirse, Braunhirse, Buchweizen, Quinoa, Nüsse und Samen. Auch eine gute Omega-3-Fettsäuren-Versorgung kann unterstützend bei AD(H)S wirken. Wir verwenden Chia, Hanfsamen, Leinsamen, Leinöl und Walnüsse. Man muss auf Kuchen, Schokolade, Süßspeisen und Eis nicht verzichten. In der Gourmet-Rohkostküche gibt es viele Möglichkeiten, diese Art von Speisen ohne Gluten, Zucker und Milchprodukte herzustellen. Meine Jungs lieben Bananeneis aus tiefgefrorenen Bananenstückchen. Es ist für sie das gesündeste und leckerste Eis der Welt. In Helmut Wandmakers Buch "Willst du gesund sein, vergiss den Kochtopf!" habe ich zum ersten Mal davon gehört. Beim Lesen des Rezeptes war ich erst etwas skeptisch, doch als ich es ausprobierte, konnte ich kaum glauben, wie cremiges schmeckte und war überwältigt. Seitdem ist Bananeneis ein fester Bestandteil meines Ernährungsplanes für den Sommer. Simon hat in den ersten drei Wochen unseres Experiments nicht ausschließlich vegan gegessen. Alle zwei Wochen besucht er seinen Vater für ein paar Tage und bekommt dort auf Wunsch auch etwas Wurst, Fleisch oder Fisch, alles biologisch.

Verbesserungen und Rückschläge

Am vierten Tag des Experiments sagte Simon, dass ihm die Schule zum ersten Mal Spaß mache (er ist in der 3. Klasse!). Am vierten und fünften Tag konnte er Matheaufgaben selbstständig abarbeiten und fast fehlerfrei rechnen. Seine Lehrerin hat ihn gelobt. An einem Tag fragte er mich freudestrahlend, ob er jetzt auch ein Rohköstler sei. Er fühlt sich körperlich und geistig gut und wird von den Speisen satt, die er bekommt. An einem Tag nach zweieinhalb Wochen war er aber ziemlich frustriert. Er konnte die Haferkekse, die eine Klassenkameradin mitgebracht hatte, nicht essen. Und er liebt Haferkekse. Ich tröstete ihn und hatte natürlich Verständnis für seinen Frust. Auch vielen erwachsenen Menschen fällt eine Ernährungsumstellung schwer, Gelüste und Rückfälle sind nicht selten. Ich lobte ihn für sein Durchhaltevermögen und seine Ehrlichkeit. Er soll seinen Frust ruhig herauslassen. Am Abend habe ich zum Trost ein paar SchokofROH-Lebkuchenbällchen zubereitet. Simon meinte: "Sie schmecken zwar nicht so gut wie Haferkekse, aber besser als richtige Lebkuchen." Weiterhin beklagte er sich, dass er nicht mit seinen Freunden zusammen essen kann. Er kann sich sofort hinsetzen und essen, während seine Freunde sich erst anstellen müssen um ihr Essen zubekommen. Wenn sie dann an seinen Tisch kommen, ist er mit seinem Essen schon fast fertig. Als ich ihn fragte, warum er nicht einfach auf seine Freunde warte, sagte er mir, dass er keine Zeit mit Warten verschwenden möchte. Als eine Schülerin aus der Parallelklasse ihn gefragt hat, ob er denn nicht mal etwas Richtiges essen könne, antwortete er: "Das ist doch was Richtiges".

Ausnahmen müssen sein

Wir gestalteten den Ernährungsplan ab der vierten Woche etwas flexibler. An einem Tag in der Vorweihnachtszeit war es wieder schwierig. In der Schule gab es Stollen, Simon hat davon gegessen und sich dann schlecht gefühlt. Das möchte ich unbedingt vermeiden, deswegen bin ich erst einmal wieder ein Stück zurückgerudert. Das Wichtigste ist, dass er sich mit einer Ernährungsumstellung wohl fühlt. Wir machen es Schritt für Schritt. Es gibt schon einige kleine Verbesserungen, die seine Aufmerksamkeits- und Konzentrations-fähigkeit betreffen. Ich habe ihm erklärt, dass er in der Vorweihnachtszeit in der Schule auch mal ein Stück Stollen oder Plätzchen essen kann. Nach den Feiertagen nahmen wir den Ernährungsplan ohne Milch, Gluten, Zucker und Fertigprodukten mit ganz viel Frischkost wieder auf. Diesmal wünschte sich Simon, ab und zu ein Hühnerei essen zu können, auf das wir beim letzten Experiment verzichtet hatten. Anfang des Jahres unterhielt ich mich mit seiner Lehrerin. Sie erzählte mir begeistert, dass sie letztes Jahr schon nach kurzer Zeit eine Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit bemerkt habe. Außerdem habe sie das Gefühl, dass Simon etwas ruhiger im Unterricht geworden sei. Für ihn ist es eine große Herausforderung. Er meinte nach dem ersten Experiment, dass er Brot sehr vermisst habe und, auch mal etwas Süßes mit seinen Freunden zu essen. Ich wünsche mir sehr, dass er für den Verzicht mit Zuversicht und Selbstvertrauen belohnt wird. Wenn mit einer Umstellung der Ernährung wirklich eine längerfristige Verbesserung seiner ADS zu erzielen ist, wird es wohl nicht ausbleiben diesen Weg weiter zu gehen. Ich will nicht verschweigen, dass es mir sehr gut gefallen würde, wenn mein Sohn, sich vegetarisch oder sogar roh vegan ernähren würde. Jedoch muss er seinen Weg allein finden und gehen. Er wird seine Erfahrungen machen. Andere als ich, denn er ist eine eigenständige Persönlichkeit. Nach ein paar Wochen hat mich Simons Klassenlehrerin wieder angesprochen und noch einmal auf deutliche Verbesserungen seines Schriftbildes sowie der Konzentrationsfähigkeit hingewiesen. Wir sind auf dem richtigen Weg, auch wenn es für Simon zeitweise mühevoll ist, auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Ein wenig später erzählte er mir, dass ein Gluckern an zwei Stellen in seinem Kopf weg sei. Was auch immer das war, ich weiß nicht ob es wirklich mit der Ernährungsumstellung zusammenhängt. Allerdings kann ich mich erinnern, dass er letztes Jahr im April zu mir sagte: "Mama ich weiß nicht was los ist, in der ersten Klasse ging es noch, bis zur Hälfte der zweiten Klasse auch, doch jetzt ist was in meinem Kopf passiert, ich kann einfach nicht mehr weiter". Vielleicht sind wir jetzt wirklich dran, den Nebel in seinem Kopf zu lichten, indem er auf Gluten, Zucker und Milchprodukte verzichtet und viele frische Lebensmittel zu sich nimmt. Simon ist Linkshänder und ihm fiel das Lesen von Anfang an schwer. Er wollte immer von rechts nach links lesen, auch kommt es noch vor, dass er in Mathe von rechts nach links subtrahieren möchte. Er liest immer noch nicht flüssig und braucht seine Zeit. Allerdings hat er an einem Tag innerhalb ganz kurzer Zeit eine Seite im Sachbuch für eine Komplexarbeit über die Sinnesorgane gelesen und mir dann ganz erstaunt berichtet: "Mama, ich habe noch nie in so kurzer Zeit einen Text gelesen und auch noch alles verstanden". Er hat dann in der Arbeit eine eins geschrieben.

Rohkost und Weiterentwicklung

Mir geht es bei diesem Ernährungsexperiment nicht um bessere Noten oder darum, dass sich Simon einem unzeitgemäßen Schulsystem anpasst. Ich möchte ihm dazu verhelfen, dass er nicht mehr weinend und verzweifelt im Unterricht sitzt. Am liebsten, das schreibe ich hier ganz klar, würde ich aus ihm ein Freilernerkind machen. Die Legalität in Deutschland wird diesbezüglich kommen, irgendwann. Falls nicht, müssen wir doch auswandern oder uns für eine alternative Schule entscheiden. Ich beobachte auch an mir, wie gut es sich mit Körper und Geist anfühlt, auf Gluten, Zucker und Milchprodukte zu verzichten. Mir ist auch bewusst, dass wir diese Ernährungsumstellung nicht zu 100 Prozent einhalten können. Es wird zwischendurch Ausnahmen geben. Ich gebe zu, der Erfolg und die Verbesserungen beflügeln mich und am liebsten möchte ich ganz schnell ganz weit nach vorn preschen und Simon mitreißen. Wie gut, dass es immer wieder Menschen gibt, die mir sagen, dass ein entspannter Umgang mit der Thematik wichtig ist. Sie halten mir regelmäßig einen Spiegel vor. Das befähigt mich, mal ins Außen zu treten, dann wieder in mich zu gehen und die Dinge sacht angehen zu lassen. Ich bin mir ganz sicher, mit Hilfe der Ernährungsumstellung, einer psychosomatischen Therapie (zwecks seelischer Konfliktlösung), dem Schulbegleiter für Deutsch und Mathe, einer Quecksilberausleitung (Simon ist durch mich mit diesem Schwermetall belastet) und bedingungsloser Akzeptanz, Wertschätzung und Liebe kann Simon ganz bei sich sein und seinen Weg gehen. Wenn wir in naher Zukunft eine verträglichere Schulform finden oder ihn, noch besser, zum Freilerner machen, hat er sehr gute Chancen, sein volles Potenzial zu entfalten. Unsere zukünftige Gesellschaft braucht Kinder und Erwachsene mit innovativen Ideen, mit kreativem Denken, das im gängigen Schulsystem leicht verloren geht. In diesem Sinne gehen wir unseren Weg weiter. Vielleicht gibt es auch Rückschläge, wir lassen uns nicht entmutigen, wir richten uns wieder auf und gehen weiter. Unsere positiven Erfahrungen sowie die wertvollen Rückmeldungen von Menschen, die uns folgen, bestärken uns in unserem Tun. Mein Sohn verabschiedet sich langsam von Gluten, Zucker und Milchprodukten und heißt in seinem Leben die Rohkost, zumindest bis zum Abendessen, herzlich willkommen. Trinkkokosnüsse warten dann in der Küche, der Tisch ist voller Obst, im Kühlschrank ist Gemüse und Grünzeug, am Wochenende machen wir roh-vegane Schokolade und ich gehe jetzt mal unsere Sprossen spülen.


Vita: 

Silke Leopold ist Mama,  Bloggerin, Youtuberin, Ernährungsberaterin und liebt es Menschen mit ihrem rohveganen Lifestyle zu inspirieren. Bei ihr geht es um natürliche Lebensweise, vegane Rohkost, Wildkräuter, Fasten, Entgiftung, alternative Kosmetik und Minimalismus.  Sie lebt mit ihren beiden Söhnen in Leipzig und veranstaltet dort jeden Monat Rohkosttreffen für Interessierte.

www.silkeleopold.de