Also spricht die Krankheit

06.03.2017

(Aus Professor Arnold Ehrets "Lebenskunst" 1911)

Teil 1

Ich bin ein Weib und schon deshalb unergründlich für "gelehrte" Männer. Meine Mutter heißt Gesundheit, mein Vater, mein Erzeuger, ist der Mensch, der den biologischen Spielraum (Freiheit), der allen Wesen gesetzt ist, missbraucht hat und durch falsche Kultur klüger sein wollte als die "göttliche Weisheit", das Naturgesetz selbst. Meine Töchter, gezeugt im heiligen, d. h. heilmachenden, heilbringenden Geiste, heißen Wiedergeburt der absoluten Gesundheit, Schönheit, Weisheit und ewiges Leben, paradiesische, himmlische Lust und Glückseligkeit. Meine Söhne sind Schmerz, Leiden, Irrtum, Unglauben (an die Natur), Untergang, Mord und Tod.

Ich bin ein Geist, ein Prinzip, eine Richtung, ein Ziel, ein "Hinauf", ein "Wiedergutmachen", ein Regulativ zur Gesundheit, eine Verteidigung, eine Abwehr des Toten, des Schlechten, des Lebensfeindlichen, kurz, ich bin eine Kraft, wenn ihr so wollt, ihr Modernen, wenigstens "ein Teil von jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft". Im Grunde meines Wesens bin ich gut, wohlmeinend, ehrlich, aber ebenso böse und grausam bis zu Tod und Vernichtung, eben rachsüchtig kann ich werden. Ehemals hielt man mich für den Teufel selbst. Wie das Weib hat man mich seit Jahrtausenden missverstanden, unterdrückt, verachtet und nicht zu Wort kommen lassen. Ich bin gesetzt von Urbeginn, den "Teufel", das Prinzip des Bösen, des Todes zu bekämpfen. Mein Streben, mein Weg geht hinauf zum Leben, zur Gesundheit selbst. Mit allen erdenklichen Mitteln hat man mir meine Arbeit, das Leben zu erhalten und gegen seine Feinde zu verteidigen, erschwert, meine Bürde immer mehr vergrößert. Das ist: das Tote, das Abgelebte, das Faule, das Seelenlose, den verkochten Rest aller tierischen und pflanzlichen Substanzen, diesen verwesten Schleim aus dem Organismus herauszuschaffen. Schon im Mutterleibe lasse ich das Warnsignal Schmerz ertönen und dort schon arbeite ich und schöpfe ich aus "Reserven" der Mutter, um den Unrat eurer verkehrten Nahrung vom neuen Menschen fernzuhalten. Statt Kalk der Früchte für die Grundlage eines werdenden Knochengerüstes bringt ihr mir verkochte Milch mit ausgefälltem Kalk. Aber eher nehme ich Kalk aus den Zähnen, aus den Knochen der Mutter dazu, selbst auf die Gefahr hin, dass sie selbst zugrunde geht. Ich bin gütig, sage ich euch, aber auch grausam. Ich halte es mit der Jugend, mir ist ein werdendes Geschöpf, mit dem ich immer wieder die Erneuerung des Menschengeschlechts versuche, wertvoller als tausend Mütter. Das Gebären, der heiligste und oberste Akt des Lebens, ist euch zu Schmerz, Wehe und Tod geworden. Vergeblich erhebe ich meine Stimme der Unlust am Essen in der Schwangerschaft und die Lust nach Anderem, Unbekannten, nach Ungewohnten, das ist das Obst. Man nennt mich "Hysterie der Schwangeren", füttert weiter auf die Gefahr hin, die Mästung des Embryos mit dem Leben zu büßen. Kaum ist das Kleine am "Licht der Welt", haltet ihr es in "Finsternis" und stopft es voll mit verkochter - verkäster und kalkarmer Milch - und der ganzen Rüstkammer aller Schleimpräparate. Wiederum erhebe ich meine warnende Stimme durch das entsetzliche Geschrei und die Leichenfarbe des Kleinen. Aber ihr versteht sie nicht, meine Sprache ohne Worte. Schon das verseuchte Blut der Mutter dem Embryo gereinigt zuzuführen, war mir große Mühe und gelang mir nicht vollkommen. Aber ich versuche, dies mit ihrer Milch gutzumachen. Stattdessen bringt man dem Königskinde höchstens Milch einer Bauernmagd, von Alkohol und Tierleichen stammend, Mehlkleister und die Milch einer kranken Kuh. Ich vermag nicht mehr das Blut vor diesem Unrat zu schützen, da ihr den neuen Erdenbürger so einhüllt und ihn so vor frischer Luft "schützt", dass es unmöglich wird, beim Fehlen dieses obersten Elementes des Lebens die Nahrungsrückstände zu verbrennen oder durch natürliche Ausgänge abzuführen. Ich vermag den fauligen Rückstand, den giftigen Schleim, nicht mehr fernzuhalten von der Blutbahn. Ich lasse alle Mittel, die Drüsen usw. in Aktion treten, diese kreisenden Gifte abzufangen und an geeigneten Stellen abzulegen, aber man überschüttet diese jungen Menschen geradezu mit Schleim. Ich durchbreche jetzt die Poren der Haut und will diese Vergiftung des Blutes mit Fieber und Schweiß nach außen entladen, und man nennt mich Scharlach. Jetzt kommt ein "gelehrter" Mann, bringt ein noch größeres Gift in den Magen, und ich muss mich sofort mit allen zur Verfügung stehenden Kräften und Blutmassen dorthin wenden, um diese gefährlicheren, noch lebensfeindlicheren Stoffe unschädlich zu machen. Ich bin jetzt dort im Magen mit dem Blute beschäftigt, aber wehe dir, mein junges Geschöpf, nach zwei Seiten kämpfen, das kann ich nicht. Der Scharlach, das heißt ich, die Krankheit verschwindet, aber du auch, du selbst sinkst hinab ins Reich meines Sohnes, in das Element des "Urschleims", des Todes.

Kommt mir zufällig kein "Gelehrter" in die Quere und gelingt es mir, durch den "Ausschlag" der Gifte das Leben zu erhalten, so jammert sich der arme Wurm vielleicht so lange durch, bis man ihm "Kälbereiter" von Staats und Gesetzes wegen in eine Wunde bringt. Jetzt wird es mir zu stark, sofort bewerkstellige ich am Vergiftungsort eine solche Entzündung, eine Verdickung in der Absicht, das eingeimpfte Gift in den umliegenden Geweben lokal zu vereitern und abzustoßen. Vermag sie dies nicht oder ist so viel Gesundheitsfond vorhanden, diese Blutvergiftung unschädlich zu machen, so kommt man mir mit diesem Kälber-Eiter von neuem, bis ich das Kind in Fieber stürze, ihm die Gurgel zuschnüre, mit dem Tode drohe und, wenn man mich nicht daran hindert, eine auffallende Abmagerung in Szene setze. Jetzt ergreift "im Geiste des gelehrten Mannes" die Eltern und die Umgebung eine entsetzliche Angst vor mir und dem Tode, wenn es gelingt, mich zum Schweigen zu bringen, mich am natürlichen Reinigungsprozess zu hindern. Dann überschwemmt man geradezu diesen jungen Menschen mit Milch- und Schleimpräparaten, bis die Rückstände in seiner Gurgel in Fäulnis übergehen, Pilze treiben, Entzündung und Verengung der Luftröhre hervorrufen und Frau Krankheit mit ersticken droht. Mein Name ist jetzt Diphtheritis. Jetzt kommt eine Ladung Serum, das ist auf einem künstlich kranken Tier gezüchteter "Abwehrstoff", ins Blut, der zwar jene Pilze im Hals "ablöst", aber für deren Vernichtung ich so viel Lebenskraft brauche, dass vielleicht dieser junge Mensch damit sein Leben rettet, aber sicher nicht verbessert. Das heißt doch, mein Element, den Schleim, den Teufel, mit dem Beelzebub auszutreiben. Gelingt es dem jungen Bürger trotz alledem, auf die Beine zu kommen, gleich stiehlt er Obst und (Frucht-)Zucker, die Elemente der Gesundheit, die mit Freuden an die Hand gehen und mir helfen, unter entsetzlichem Gestank die faulen Schleimmassen des Magens und des Darms abzuführen. Jetzt nennt man mich Kolik oder Diarrhöe. Frau Krankheit freut sich mit Hilfe und Unterstützung lebendiger Elemente, Obst und (Frucht-)Zucker, den Tod, den Schleim, durch eine gründliche Abfuhr besiegt zu haben. Aber wehe euch: Gleich erscheint der "gelehrte" Mann, es vollzieht sich dieselbe Prozedur wie oben. Die stinkenden, fauligen Entleerungen, das Wesen giftigen und toten Materials darf nicht hinaus, man stopft, und Frau Krankheit schweigt.

Gesundheit selbst heiße ich jetzt fälschlich, weil ich ruhe, weil ich schlafe, da man die Reaktionsnerven des Darmes geschwächt, beruhigt hat. Und wenn man diesen jungen Organismus nicht zur ewigen Ruhe "beruhigt", dann spanne ich in meinem gewaltsamen Schweigen die mächtigsten Kräfte bis zur Reife des Menschen. Unbemerkt im Stillen bin ich zwar so gut als möglich immer an der Arbeit mit Hilfe der jugendlichen Kräfte. Zwar täuschen alle Reizmittel eine falsche Gesundheit, eine Art Kraft vor. In Wirklichkeit zehren sie an meinem Leibe, an der Reaktionskraft. Und die Verblödung geht heute so weit, dass ihr euch rühmt, einen gesunden Magen zu besitzen, wenn er fünf Liter Bier und ein Diner mit sechs Gängen bei sich behält und diese Misshandlung wenigstens scheinbar sich gefallen lässt.


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