Ehrets 49-tägiger Fastenversuch

06.03.2017

Bericht aus der Vegetarischen Warte von 1909

Teil 1

Ehret hat allein mit Fastenkuren in seiner schweizerischen Klinik in Ascona Tausende Kranke geheilt. "Wenn man mit Nichtessen selbst schwer leidende Menschen heilen kann, wie viel erst recht mit der energiereichsten Kost der Welt, auf der die gesamte Menschheit aufgebaut ist, mit der reinen Obstkost!", erklärte Ehret. Obst ist das einzige schlackenfreie Lebensmittel, das weder verschleimt noch leimt, die Hauptursache aller Erkrankungen. Nach Ehret gibt es demnach nur ein Heilmittel: Fasten und Obstkost. Ehret fastete nicht nur in 14 Monaten diese 49, sondern insgesamt 126 Tage.

"Alles Gescheite ist schon gedacht worden. Man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken!"(Goethe). Versuchen wir also, Ehrets persönlichen Versuche am eigenen Körper nicht nur zu überdenken, sondern nachzumachen. Ein langes Fasten darf aber nur unter der Aufsicht eines Fachmannes erfolgen. Später hat Ehret seine Erfahrungen dahin interpretiert, dass Kurz-Fasten von einer Woche in Abwechslung mit reiner Früchtekost die wirkungsvollste Herstellung der Gesundheit sei. Jetzt der Originaltext Ehrets aus der damaligen "Vegetarischen Warte":

Mein in diesem Sommer vorgenommener Fasten-Versuch von sieben Wochen bildet den Abschluss einer Reihe von diätetischen Versuchen, die ich in den letzten zwölf Jahren vorgenommen habe, und deren lehrreiche Ergebnisse ich hiermit zum ersten Male der Öffentlichkeit unterbreite. In der Tat sind meine Erfolge derart zugunsten der vegetarischen Ernährung und besonders der Obstdiät ausgefallen, dass es Zeit ist, sie den Vegetariern vorzulegen.

Wenn ich mich zum Artisten herabgewürdigt habe, indem ich in Kaftans Panoptikum in Köln mich in eine vom Notar Dorst versiegelte Glaszelle einschließen und Tag und Nacht vom Publikum begaffen ließ, so geschah dies aus zwei wichtigen Gründen, mit denen ich dem allgemeinen Vorurteile gegen Schaustellungen begegnen möchte. Erstens, um mich selbst gegen die Versuchung zu schützen, und zweitens um dadurch einen amtlichen Beweis dafür zu erlangen, dass ich ohne jede Spur von fester Nahrung geblieben bin. Vorbei sind ja die Zeiten, wo man als Einsiedler im Walde fasten konnte und damit Glauben fand. Denn bei der heutigen allgemeinen Überernährung (1909) hält kein Mensch den anderen mehr für einen Heiligen.

So wurde ich denn am 26. Juni 1909, abends um acht Uhr, nachdem ich einen Vortrag über die Einwirkung des Fastens auf den menschlichen Körper gehalten hatte, in die vorher genau untersuchte Zelle eingeschlossen, und diese wurde versiegelt. Zu meiner Beschäftigung hatte ich Bücher, Zeitschriften, Schreibzeug, Zeichen- und Malgeräte mitgenommen. Ferner hatte ich 125 Liter Birresborner Wasser erhalten, das mir allerdings auch als Waschwasser dienen musste. In der Zelle war außerdem ein gutes Bett, da gut zu ruhen sehr wichtig und Schlafen nötiger als Essen ist, worüber ich später noch sprechen werde. Schließlich hatte ich zur Verfügung: eine automatische Waage, einen transportablen elektrischen Ventilator und einen elektrischen Fußwärmer. Meine Kleidung bestand aus einem Reformanzug von eigenem Schnitt, über den ich gleichfalls noch näher berichten werde.

Meine Zelle war drei Meter hoch, unten mit einem 80 Zentimeter hohen Gipssockel und oben mit einem 60 Zentimer hohen Einsatz aus feinster Fliegengaze versehen, die den Lufteintritt ermöglichte. Zwischen beiden waren Glasscheiben von 1,60 Meter Höhe angebracht. Um mir das Korrespondieren zu ermöglichen, hatte man in einer Leiste einen Spalt herstellen lassen, der durch einen Sägeschnitt gebildet war und nur eben genügte, um eine Postkarte durchzustecken. Einen Brief konnte man nur so hindurchbefördern, dass man ihn öffnete und die Blätter einzeln durch den Spalt schob.

Ich hatte die Absicht, 51 Tage zu fasten, musste aber nach 49 Tagen aufhören, weil ich unter den sehr unangenehmen Verhältnissen zu leiden hatte. Der Mangel an Licht und Luft, namentlich aber der Mangel an Ruhe und Schlaf, machte diesen Versuch für mich weit schwieriger als die vielen früheren, die ich in völliger Freiheit durchgeführt hatte. Frische Luft ist das erste und wichtigste Nahrungsmittel. Ist sie reichlich vorhanden, dann ist die Kraftabnahme beim Fasten wesentlich geringer. Im Panoptikum aber hätte ich mein Leben aufs Spiel gesetzt, hätte ich die Luft eingeatmet, welche die an den zwei letzten Tagen zu erwartenden Zuschauerscharen im Saale erzeugt hätten. Ich verlangte daher nach 49 Tagen die Öffnung der Zelle.

Ein dortiges Blatt schrieb darüber: "Nach 51-tägigem Fasten sollte gestern Abend die Befreiung des Hungerkünstlers Arnold Ehret alias Num Nasar aus seinem notariell versiegelten Glashause in Kastans Panoptikum stattfinden. Es kommt indessen bekanntlich immer anders als man denkt. Das musste auch die Direktion des Panoptikums erfahren, und zwar sollte - Ironie des Schicksals - gerade der "Mann, der schlafen kann" (arabisch Num Nasar), derjenige sein, der ihr schlaflose Nächte bereitete. Allerdings hatte die in der Bezeichnung "Num Nasar" zum Ausdruck kommende Fähigkeit des Schlafen Könnens in der letzten Zeit nur theoretische Bedeutung. Denn in der Praxis störte das ungebührliche Benehmen vieler nächtlicher Besucher schon geraume Weile den zur Durchführung des Experiments so notwendigen Schlummer Num Nasars, und auf diesen Umstand wird es wohl in erster Linie zurückzuführen sein, wenn der Fastenkünstler das gesteckte Ziel nicht ganz erreicht hat. Bedenkliche Störungen seines Wohlbefindens nahmen am letzten Samstag bedrohlichen Charakter an, so dass die Direktion in ihrem Verantwortungsgefühl sich veranlasst sah, einen Arzt kommen und nach notarieller Entsiegelung der Zelle Num Nasar von diesem untersuchen zu lassen. Der ärztliche Rat lautete auf tunlichst sofortige Beendigung des schon 49 Tage dauernden Fastens. Doch wollte die zähe Willenskraft Num Nasars sich anfänglich der Weisung nicht fügen, sondern verlangte noch Fortsetzung des Versuches bis zu dessen programmässigem Ende. Allein, kaum hatte man die Zelle aufs Neue versiegeln lassen, als sich abermals nervöse Krisen einstellten, die selbst die Energie eines Num Nasars besiegten. (Folge des Massenbesuchs der letzten Tage. A.E.) So wurde denn dieser zwei Tage vor dem in Aussicht genommenen Termin befreit. Aber die fehlenden 48 Stunden vermögen nicht das Staunen zu vermindern, das uns eine Leistung im Fasten, wie die Num Nasars, abnötigt, der es vermochte, sich 49 Tage jeglicher Speise zu enthalten.

Man ersieht hieraus, dass mich meine Energie immer noch nicht verlassen hatte. Aber alles hat schließlich seine Grenzen. Ich habe mit 49 Tagen einen neuen unerreichten Weltrekord im Fasten aufgestellt. Denn der "berühmte" Berufshungerkünstler Ricardo Sacco nennt sich Weltmeister der Hungerkunst aufgrund eines Experimentes von 47 Tagen in Breslau. Er will jetzt 55 Tage fasten, um mich zu schlagen. Er möge sich in Sorge wegen meiner Konkurrenz beruhigen, da ich ja das Fasten nicht berufsmäßig, sondern aus rein wissenschaftlichen Gründen vollführe und mit diesem öffentlichen großen Versuche auch beschließe.

Obgleich das Panoptikum an die Ärzteschaft Kölns Zirkulare mit einigen ärztlichen Gutachten gesandt hatte, welche die Zuverlässigkeit und Realität sowie den wissenschaftlichen Wert meiner Versuche dartun, hatte sich nur ein einziger Arzt (Dr. M.) offen dafür interessiert. Allerdings sind mir nachher dessen Anordnungen insofern verhängnisvoll geworden, als mir damit die Möglichkeit abgeschnitten wurde, meine vielfach erprobte Diät (Getränke und Speisen) nach dem Fastenversuch zu erhalten. Die Folge davon ist, dass ich heute noch nicht recht auf den Beinen bin, während ich sonst schon am andern Tag auch nach 32-tägigem Fasten wieder munter war. Ich komme im zweiten Teile, dem theoretischen, noch genauer auf die Diät nach dem Fasten zurück. Ich will hier nur bemerken, dass der wichtigste und gefährlichste Augenblick des ganzen Versuchs hier liegt, und dass vor allem vor Dilettantismus eben darum aufs Entschiedenste gewarnt werden muss. Wenn nicht von einem hierin erfahrenen Arzte oder sonstigem guten die Kur überwachenden Praktiker genaue Anordnungen, je nach Krankheit, Zahl der Fasttage, Individualität, Jahreszeit usw. getroffen werden, so ist damit Lebensgefahr verbunden. Namentlich dann, wenn in der Angst nach Reizmitteln, wie Bohnenkaffee, Alkohol, Bouillon usw. gegriffen wird.

Um die Zeit des 11. bis 13. Tages, die sogenannte kritische Zeit, treten gewisse Schwächezustände ein, die, wenn sie durch Todesangst des Unerfahrenen und des selbständig vorhergehenden Dilettanten noch gesteigert werden, bedenklich werden können. Allein der Zustand nimmt nicht mit der Zeit zu, er hält nicht einmal an. Somit kann man am 17. oder 18. Tage wieder leistungsfähiger sein als am dreizehnten. So konnte ich in Köln am 17. Tage ein Gewicht von 30 Pfund öfter stemmen als einige Tage zuvor. Die Kräfteabnahme verläuft also bis zu einer gewissen Zeit nicht fortschreitend mit der Anzahl der Fasttage, sondern kurvenmäßig. Etwa vom 40. Tage an trat allerdings in Köln ein anhaltender Schwächezustand ein. Ich glaube aber, dass in frischer, staubfreier Luft und bei genügender Ruhe, die Kräfte weit länger erhalten bleiben. Ich habe in Köln, obgleich ich es durch Autosuggestion ähnlich den Fakiren zu einer gewissen Schlafkunst gebracht habe, während der ganzen 49 Tage nicht eine halbe Stunde ruhig schlafen können, da das Panoptikum Tag und Nacht unausgesetzt geöffnet war. Zugleich zur Kontrolle der Reellität durch das Publikum. Aber selbst das angestellte Personal war in seiner lärmenden Unterhaltung trotz meiner wiederholten Aufforderungen, ebenso rücksichtslos wie die vielfach betrunkenen Nachtbesucher. An den sogenannten kritischen Tagen ist besonders die große seelische Missstimmung hervorzuheben, die aber für den Anfänger die Gefahr mit sich bringt, dass er in seiner Angst und Verstimmung die Versuchung zu essen, nicht überwindet, wenn er nicht einen hierin erfahrenen Praktiker zur Seite hat, der ihn moralisch wieder aufrichtet. Denn der seelische Moment spielt bei einer Fastenkur, namentlich bei einem Kranken, eine größere Rolle als bei jeder anderen. Diese Kur muss daher sorgfältiger geleitet und überwacht werden, als jede andere. Eigentlich dürften hierbei nur ganz wenige Patienten unter ständiger Überwachung behandelt werden. Dann ist aber auch der Erfolg umso sicherer.

Mein Gewicht verminderte sich in diesen 49 Tagen um 41 Pfund, wovon viel auf Rechnung der Schlaflosigkeit zu setzen ist. Wasser trank ich im Durchschnitt eineinhalb Liter täglich. Außer Mineralwasser hatte ich noch etwas Abführtee und gegen den Durst und Hustenreiz einige Pfefferminztabletten mitgenommen, die übrigens durchaus nicht als Nahrung gelten. Benutzt habe ich sie kaum. Ich habe also 49 Tage mit etwa 60 Liter Mineralwasser unter unhygienischen Bedingungen und bei Schlaflosigkeit durch Störung gelebt. Der Puls und die Herztätigkeit blieben bis zum letzten Tage normal. Ich habe innerhalb eines Zeitraumes von einem Jahr im ganzen 105 Tage gefastet und wage die Behauptung, dass ich mich im Durchschnitte noch überernährt habe. Dieses einzig dastehende Experiment hat meiner Gesundheit nicht etwa geschadet, sondern sogar genützt.

Ich bin seit sechs Jahren Vegetarier. Etwa zwei Jahre lebte ich ziemlich streng von Obst, auch im kalten Winter. Zuweilen nahm ich ausnahmsweise, teils absichtlich zu Versuchszwecken, teils aus Gleichgültigkeit, etwas Fleisch zu mir, aber dann auch mit dem Fleische etwas Wein oder Bier. Wochenlang vor dem großen Fasten lebte ich streng vegetarisch, fast nur von Obst, nur Kaffee und die Zigarre ließ ich nicht ganz weg. Um aber den Vorurteilen in dieser Beziehung zu begegnen, will ich bemerken, dass ich einen früheren ziemlich ausgedehnten Fastenversuch ohne wesentliche Kraftabnahme deshalb leichter überstand, weil ich vier Wochen vorher im wesentlichen nur Kirschen gegessen hatte. Diese experimentelle Tatsache mag selbst in den Ohren des radikalsten Vegetariers beinahe wahnsinnig klingen, und in denen des Fleischessers oder Schulmediziners erst recht. Sie bleibt aber deshalb als Tatsache bestehen und beweist eben mehr als tausend Bände, dass in Beziehung auf Stoffwechsel, Ernährung, Krankheitsbegriff, Fasten und die Fähigkeiten des vollkommen gesunden Menschen überhaupt die letzte Wahrheit noch lange nicht ergründet ist.

Ich werde daher in meinen weiteren Ausführungen ganz neue, zum Teil unerhörte Anschauungen aufgrund von Erfahrungstatsachen aufstellen und vor allem zu beweisen versuchen, dass Fasten nicht nur das beste, sicherste und vor allem natürlichste Heilmittel ist, sondern dass hier ein hochwichtiger Beitrag zur Lösung des ganzen Menschenrätsels, ja sogar, dass hier das interessanteste Problem vorliegt, welches es für den Menschen gibt.

Der Philosoph von der "Umwertung aller Werte", Friedrich Nietzsche, sagt an einer Stelle seiner Werke "Ich rühme mich, das mit einem Satze zu sagen, wozu ein anderer Bände braucht". Ein anderer Anspruch von ihm lautet, wenigstens dem Sinne nach: "Eine sogenannte Wahrheit, die erst bewiesen werden muss, ist schon zweifelhaft!" Ich will nun zwei Sätze aufstellen, die allein den ganzen Inbegriff alles Wissenswerten enthalten, das Alpha und Omega aller Weisheit sind, weil der eine, wenn sie richtig sind, die Grundursache alles Übels aufdeckt, und der andere wenigstens den Schlüssel zur Lösung aller Fragen und Rätsel und das Mittel angibt, wodurch das menschliche Leben zu einer paradiesischen Vollkommenheit in körperlicher und geistiger Beziehung gesteigert werden kann.

Auf beide dieser Thesen trifft auch das Wort Nietzsches zu, dass es eigentlich keines Beweises bedürfen sollte, das Wesen und die Zusammensetzung des menschlichen Blutes und den Ort seiner Zubereitung, den Verdauungskanal, als den Ausgangspunkt, das Entscheidende, das die Beschaffenheit Bestimmende im ganzen körperlichen und geistigen Leben des Menschen zu erkennen. Das ist eigentlich so einfach und selbstverständlich, wie jede Wahrheit, namentlich auch, was die seelischen und geistigen Funktionen, die Art des Denkens und die Weltanschauung selbst betrifft. Nicht allein Bau und Form des Gehirns sind bestimmend für die seelischen und geistigen Fähigkeiten, sondern vielmehr die Beschaffenheit des Blutes, wodurch das Gehirn ernährt wird. Da nun gerade heutzutage die Gelehrten und Geistreichen gegenüber den einfachen Dingen mit Blindheit gestraft sind, so muss man ihnen dies beweisen, weil sie eben allen Glauben verloren haben. Ihr Misstrauen gegen das Leben und die Natur, und damit ihr ganzer Pessimismus, geht ja so weit, z. B. nicht einmal zuzugeben, dass kein Koch und kein Konditor der Welt etwas Vollkommeneres zustande bringen kann, als es ein Apfel oder eine Banane ist.

Noch möchte ich mich des Verdachtes erwehren, dass ich einen einseitig krassen Materialismus verträte. Ich bin sogar ein entschiedener Anhänger des Primates des Geistes vor der Materie, was ich durch meinen großen Fastenversuch bewiesen zu haben glaube. Hier handelt es sich um den nachdrücklich bestimmenden Einfluss solcher materieller Wirkungen auf Seele und Geist, wie sie bis jetzt noch nicht klar genug dargelegt worden sind.

Meine beiden "inhaltsschweren" Sätze lauten nun:

1. Alle Krankheit, Schmerz, Leid und Leiden, alle Leidenschaften, Alkoholismus (selbst Morphium- und Tabakgenuss), alles "Böse", der ganze soziale Kampf, die Ungleichheit der Menschen, Überbevölkerung, Krieg, Grausamkeit, Unfreiheit und Knechtschaft (auch die des Weibes durch die Küche), die menschliche Missgestaltung, das Altern und vielleicht sogar der Tod selbst, alle philosophischen und moralischen Irrlehren (so viele Philosophen, soviel Irrlehren!), besonders aber der Pessimismus, kurz alle Entartung kommt, von wenigen anderen Umständen abgesehen, von falscher, unnatürlicher Nahrung und von Überernährung.

2. Fasten ist das einzige von der Natur ohne menschliches Zutun angewendete Mittel, die Folgen der Überernährung, selbst die "Sünden der Väter" wieder gutzumachen, und, wenn mit der rein natürlichen Diät (strengen Obstdiät) planmäßig verbunden, der alleinige unfehlbare Weg, auf dem alle Übel aus der Welt geschafft werden könnten.

Theoretisch ist das nach meiner Erfahrung sicher richtig. Dass die Menschheit aber dadurch gerettet werden könnte, glaube selbst ich nicht, da nur wenige die Energie haben, diesen von der Natur geforderten Durchgangsprozess (Krankheit) auszuhalten, der bis jetzt gründlich missverstanden wurde.

Bevor ich nun näher hierauf eingehe, wäre zunächst mein Versuchsmaterial vorzulegen, nebst einigen anderen Tatsachen, wodurch unsere bisherigen Begriffe von Krankheit, Ernährung, Stoffwechsel, Schlaf, körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Menschen in ein anderes Licht gerückt werden.

Mit dem 30. Lebensjahre brach ich unter der Last der Arbeit und den Folgen einer chronischen Nierenentzündung zusammen. Ich hatte jahrelang fast doppelt so viele Schüler einer Oberrealschule unterrichtet wie meine Kollegen, und dazu noch viel Privatunterricht erteilt. Meine Mutter war an einem Nierenleiden, Vater und Bruder mehrere Jahre vorher an Lungenschwindsucht gestorben. Mit 18 Jahren hatte ich ebenfalls einen bedenklichen Lungenkatarrh. Nachdem ich bei einer Reihe von Ärzten und Autoritäten vergeblich Hilfe gesucht und schon ein Vermögen geopfert hatte, allein infolge der noch gesteigerten Überernährung, wandte ich mich der Naturheilkunde und dem Vegetarismus zu. Dadurch wurde mein Zustand gebessert, und ich erkannte wenigstens, dass vollkommene Heilung allein nur in dieser Richtung möglich war, wenn ich auch noch lange nicht ganz gesund war. Bei einem Winteraufenthalt in Algier versuchte ich es mit Obstdiät, kam aber auch nicht viel weiter, weil ich nicht fastete, zu viel aß und die richtige Auswahl und Zusammenstellung nicht kannte. Das sind auch die einzigen Gründe, warum die Vertreter des einzig richtigen und streng natürlichen Vegetarismus, der Obstdiät, so in der Minderzahl sind. Ich werde daher besonders darin hier in Locarno (dort besaß Ehret eine Fastenkuranstalt) theoretische und praktische Lehrkurse abhalten, um damit einen gewissen Stab heranzubilden, der weniger als bisher - dafür garantiere ich - geeignet sein dürfte, der Lächerlichkeit in den Augen unserer Gegner anheimzufallen, als es bis jetzt, zum Teil mit Recht, der Fall war.

Ich begann nun in Algier mit kleinen Fastenversuchen und litt dabei furchtbar unter der großen für die meisten unüberwindlichen Klippe, der sogenannten Krisis, weil ich noch immer die Vorstellung hatte, die Schwäche käme vom Nahrungsausfall, während durch meine großen Versuche und die nachherigen Leistungen das Gegenteil bewiesen wurde. Hier lag bis jetzt der größte und verhängnisvollste Denkfehler vor.


Die Fortsetzung des Artikels finden Sie auf unserer DVD.