Fleisch zerstört die Welt

06.03.2017

Im Jahr 2003 kamen allein in den USA zehn Milliarden Tiere in den Schlachthäusern um. Das sind pro Tag mehr als 27 Millionen Tiere, die oft unter qualvollsten Bedingungen ins Jenseits befördert werden. In nur zwei Tagen werden also allein in den Vereinigten Staaten so viele Tiere getötet wie in den alten Bundesländern, sprich in Westdeutschland, Menschen leben. Eine erschütternde Zahl. Weltweit sieht die Situation so aus, dass jährlich sogar mehr als 50 Milliarden Tiere - vor allem Hühner, aber natürlich auch Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Enten, Gänse oder Truthähne - wegen ihres Fleisches daran glauben müssen. Das macht zehnmal die menschliche Erdbevölkerung aus. Man stelle sich die Welt umgekehrt vor, wie es die Tierschutzorganisation kürzlich auf dem Cover ihres Magazins Animal Times getan hat. Es zeigt zwei Krokodile, die an der Fleischtheke nach menschlicher Vorderhaxen (Unterarmen), Nasen und Zehen verlangen. Gerade einmal etwas länger als einen Monat könnten die Tiere so einkaufen gehen - und die Menschheit wäre futsch. Es sei denn, man würde sie in Massenställe sperren.

In den 50 Milliarden Tieren, die jährlich geschlachtet werden, sind übrigens nicht die Tiere enthalten, die schon vor dem Schlachten das Zeitliche segnen, zum Beispiel weil sie krank (gemacht) oder verletzt wurden, weil sie verdursteten oder erstickten, und zwar durch die verheerenden Zucht- oder Transportzustände. In Amerika etwa wird die Zahl der Tiere, die bereits vor dem Schlachten sterben, auf elf Prozent aller Schlachttiere geschätzt - macht also elf Prozent von zehn Milliarden, also grob noch mal eine Milliarde Tiere mehr.

Das Grausame daran ist aber nicht nur die schier unvorstellbar hohe Zahl an Tieren, denen der Garaus gemacht wird für unseren pervertierten unstillbaren Fleischhunger, der uns letztlich nur selber qualvolle Krankheiten beschert wie Herzinfarkte, Krebs oder andere schwere degenerative Zivilisationsgebrechen. Auch sind es die Bedingungen, unter denen die armen Kreaturen - auch Mitgeschöpfe genannt - zu leiden haben. Zustände, die bei näherer Betrachtung einem Horrorszenario gleichen. Man muss kein "eingefleischter" Tierschützer sein, um zu erkennen, dass die Menschheit hier jegliches Gespür für Anstand verloren hat. Und obwohl Haltung, Aufzucht und Behandlung in den Tierfabriken in allen Punkten dem Tierschutzgesetz widersprechen, weil sie den Tieren erhebliches Leid zufügen, darf trotzdem immer noch weiter gequält werden, um nicht zu sagen: weiter gefoltert werden.

Der Mensch sollte sich glücklich schätzen, dass er nicht als Nutztier auf die Welt gekommen ist. Man stelle sich nur vor, man müsste sein Leben in einer Besenkammer verbringen, die kaum größer als man selber ist und in die kein einziger Strahl Tageslicht eindringt. Der Durchschnittsmensch würde wohl - vollkommen nachvollziehbar - spätestens nach 20 Minuten halb bis voll wahnsinnig werden und danach winseln, in die Freiheit entlassen zu werden. Abermillionen Schweine, die in ihren besenkammerengen Stahlrohrkäfigen ihr Dasein fristen müssen, können zu ihrem Leidwesen aber nicht winseln - und wenn sie es tun, dann nützt es ihnen nichts. Die (un)menschliche Gier nach Würsten und Koteletts, zu denen die intelligenten Geschöpfe im wahrsten Sinne des Wortes verwurstet werden, ist einfach zu groß. Oder nehmen wir eine andere Grausamkeit: Jährlich werden nach wie vor Millionen männlicher Ferkel in betäubungsfreiem(!) Zustand mit Skalpellen chirurgisch kastriert. Dies geschieht in der Regel zur Vermeidung des Ebergeruchs im Fleisch, zur Reduktion der Aggressivität und damit einfacheren Haltung der Mastschweine in der Massentierhaltung. Jeder Mann, der Currywürste und andere Schweinefleischprodukte schätzt, möge sich vorstellen, ihm würden mit einem rasierscharfen Messer in den Hodensack geschnitten und die Hoden entfernt - alles ohne Betäubung.

Doch damit nicht genug. So gehen viele Menschen von der falschen Annahme aus, dass die Tiere zumindest auf gerechte, auf "humane", sprich schmerzlose Weise geschlachtet werden. Doch aktuelle Untersuchungen aus den USA belegen zum Beispiel, dass Millionen von Tieren bei lebendigem Leibe aufgesägt werden, wenn sie an den Schlachterhaken in den Schlachthallen hängen. Wie das US-Magazin Orion berichtet: "Amerikas Fleischindustrie schafft es nicht, ständig die höchsten Schlachtstandards einzuhalten. Dies allein wegen des Kostendrucks, der dazu führt, dass die Tiere in Amerika fünfmal so schnell geschlachtet werden wie etwa in Großbritannien. Doch selbst wenn die höchsten Schlachtstandards eingehalten würden, so würde dies immer noch nur bedeuten, dass 95 bis 99 Prozent der Tiere betäubt würden." 95 bis 99 Prozent - das mag auf den ersten Blick viel klingen, doch in Wahrheit heißt dies, dass immer noch ein bis fünf Prozent der Tiere - und damit viele Millionen Tiere pro Jahr - bei Bewusstsein und unbetäubt aufgeschlitzt, beziehungsweise aufgesägt werden. Dies ist Realität - die nur nicht in den Köpfen der Menschen stattfindet, weil keine Zeitung, kein Fernsehsender darüber berichtet. Das einzige, was man als Einzelperson gegen diese Grausamkeiten tun kann, ist also: Vegetarier zu werden!

Angefügt sei an dieser Stelle auch noch, dass der so genannte "Humane Methods of Slaughter Act", der in den USA für "humanes Schlachten" sorgt, beziehungsweise für die Einhaltung der Schlachtstandards sorgen soll (und dabei ganz offenbar versagt), für Hühner und andere Vögel, die 90 Prozent der Schlachttiere stellen, gar nicht gilt.

Schon Mahatma Gandhi sagte: "Der moralische Fortschritt einer Nation kann beurteilt werden anhand der Art und Weise, wie sie die Tiere behandelt." Danach wäre die heutige zivilisierte Menschheit moralisch am Ende. Denn zu den Schlachtgrausamkeiten kommt ja noch hinzu, dass der Erdenbürger den Lebensraum der Tiere in unvorstellbaren Ausmaßen vernichtet. Und zwar zum Großteil - wie könnte es anders sein - für die Fleischproduktion. Millionen Hektar Urwälder werden Jahr für Jahr gerodet, um Viehweiden oder Sojaplantagen daraus zu machen. Das heißt für die Tiere, deren Lebensraum die Wälder sind - und Regenwälder beheimaten die größte Vielfalt an Lebewesen -, dass sie direkt verbrannt werden, mit den abgeholzten Baumriesen in den Tod stürzen oder mit der Abfackelung der Wälder den Feuertod sterben. 80 Prozent der Regenwälder wurden allein in den vergangenen 30 Jahren weltweit vernichtet. Das muss man sich wirklich mal vergegenwärtigen. Und es kann sehr gut sein, dass die restlichen 20 Prozent auch nicht mehr zu retten sind.

Der Fleischhunger wächst und wächst und kann praktisch nur dadurch gedeckt werden, indem immer mehr Regenwälder abgeholzt werden. Das Fleisch dieser Tiere landet dann vornehmlich auf den Tellern der Reichen, die auf der Nordhalbkugel dieses Planeten in den Konsumgesellschaften leben. Und Soja braucht der Wohlstandsbürger auch, um damit seine Tiere, die er in Massen zusammenpfercht, zu mästen. Prognosen der Welternährungsorganisation FAO besagen, dass die weltweite Nachfrage nach Fleisch bis zum Jahr 2020 um mehr als 80 Prozent zunehmen wird. Das würde annähernd eine Verdoppelung bedeuten. Sprich: Von heute an gerechnet in 15 Jahren werden auf dieser Erde rund 100 Milliarden Tiere pro Jahr geschlachtet. 100 Milliarden - doppelt so viel wie heute schon! Die Welt verkommt so zu einer riesigen Schlachthalle. Zumal man ja auch noch bedenken muss, dass die Milliarden von Fischen (und Meeressäugern wie Delfinen), die in den kilometerlangen Schleppnetzen der Fangflotten verenden, noch nicht eingerechnet sind in diese Zahlen.

Eine solche Wirklichkeit mag man sich gar nicht ausmalen. Doch wie soll der Fleischhunger gestoppt werden? Allein das aufstrebende China mit seinen mehr als 1,2 Milliarden Menschen will Wohlstandsland werden. Und da die Menschheit dem größten Irrglauben aller Zeiten aufgesessen ist, der da heißt, dass die erste Pflicht des Wohlstandsbürgers ist, sich mit Fleisch und Fisch voll zu stopfen, so verlangt auch das Reich der Mitte verstärkt nach Würstchen, Steaks und Fastfood Burger. Doch allein für jeden "Viertelpfünder" Hamburger aus Regenwald-Rindfleisch werden 50 Quadratmeter Land vernichtet, wohlgemerkt: nur für einen einzigen Burger. Dass es überhaupt noch (Ur-)Wälder gibt, grenzt da geradezu an ein Wunder. Nun, viel ist ja auch schon weg. Jeder Bissen in einen Hot Dog, jeder Happen Steak ist also Naturvernichtung pur. Und man mag sich kaum vorstellen, was unsere Nachkommen von uns halten werden in Anbetracht unseres zerstörerischen Verhaltens.

Wenn ich so wie jetzt gerade an meinem Fenster sitze und den wilden Tieren wie den Enten so zuschaue, beschleicht mich das Gefühl, dass die Tiere doch viel schlauer sind und viel mehr Gefühl haben, als der Durchschnittsmensch denkt. Wussten Sie etwa, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere lachen können, wie ein aktueller Artikel im Wissenschaftsmagazin Science aufzeigt? Danach wären Emotionen nicht etwas spezifisch menschliches, wie von vielen bisher angenommen, sondern könnten sich evolutionsbiologisch entwickelt haben. So wertete der US-Forscher Jaak Panksepp von der Bowling Green State University in Ohio verschiedene Arbeiten aus, aus denen hervorgeht, dass zum Beispiel Ratten, wenn sie spielen, Zirpgeräusche im Bereich von 50 Kilohertz ausstoßen, was Fachleuten zufolge bedeutet, dass die Tiere positive Emotionen ausstoßen. Dieses Zirpen konnte Panksepp außerdem bei den Ratten erzeugen, wenn er und seine Mitarbeiter die Tierchen kitzelten. Auch führte Panksepp entsprechende Versuche mit Affen durch und konnte bei diesen ein freudiges Glucksen verursachen. Neueste Ergebnisse der Hirn- und Tierforschung zeigen also, dass beim Lachen sehr alte Regionen des Gehirns aktiviert werden, ältere als solche, die beim Erlernen einer Sprache beziehungsweise beim Reden angesprochen werden. Und sie offenbaren auch, dass es Formen von Spiel und Lachen bei Tieren schon lange gab, bevor der Mensch sein erstes "Haha" äußerte. Charles Darwin hatte also demnach auch in Bezug auf Emotionen Recht, als er darauf hinwies, dass Mensch und Tier enge Verwandte seien. Doch wie kann man guten Gewissens als "zivilisierter Mensch" seine Verwandten aufessen, und dann auch noch 50 Millionen von ihnen pro Jahr?

Und so haben die Tiere, die zum Fleischverzehr des Menschen dienen, vorerst gar nichts zu lachen. Eben weil nach wie vor viel zu viele Menschen Tiere als eine Art leblose, dumme und gefühlslose Maschine ansehen. Nicht anders kann das Verhalten der Menschheit seinen Mitgeschöpfen gegenüber, die er als solche gar nicht wahrnimmt, erklärt werden. Versetzen wir uns doch mal in die Rolle der Tiere: Was würden wir von fremden Wesen halten, die in unsere Dörfer und Städte eindringen, diese zerstören beziehungsweise in Menschenweiden und Menschenfutter- Felder umwandeln und uns Menschen millionenfach zum Schlachtaltar führen?