Mein Weg zur Rohkost

06.04.2017

Aus WA-Aktuell, Ausgabe 96, November 2015

Einer Diplomatenfamilie entstammend, verbrachte ich meine frühen Kindheitsjahre in Indien, in Bombay, dem heutigen Mumbai. Da meine Mutter nicht stillen konnte, wurde mir Kuhmilch verabreicht. Ich vertrug sie absolut nicht und bekam eine Allergie, nämlich Milchschorf am ganzen Körper. Meine hohe Sensibilität gegenüber für mich ungeeignete Nahrung meldete sich schon in jener Zeit. Nun erhielt ich pürierte Bananen mit Mandelmilch. Dieses Elixier bekam mir bestens und ich gedieh prächtig, zumal die Bananen ja direkt in unserem Garten wuchsen.

Meine Einschulung fand in Köln statt. In dieser Zeit erfolgten auch meine Magen- und Darmkoliken nach dem Verspeisen von Salami und sonstigen sehr fetthaltigen Nahrungsmitteln. Jahrelang litt ich unter dieser Nahrungsmittelunverträglichkeit. Ein befreundeter Homöopath verschrieb Klistiere mit Kamillentee. Diese Prozeduren waren für mich so schlimm, dass ich noch heute nur mit Mühe bei mir selber einen Einlauf vornehmen kann. "Ein Sensibelchen eben", wurde von der Ärzteschaft her argumentiert und auch in der Familie tönte es ähnlich. Zurück in der Schweiz, erkrankte meine Mutter schwer an Gelbsucht. Die Heilung schritt nur mühselig und zögerlich voran. Mama suchte nach einem neuen Ernährungskonzept für sich und die vierköpfige Familie. Bald wurde sie im "Wendepunkt im Leben und Leiden" fündig, einer Zeitschrift, deren Herausgeber Dr. Bircher-Benner in Zürich war. Dieser begnadete Arzt (und nach ihm seine Söhne) betrieb seit 1938 eine Klinik für ganzheitliche Medizin und Rohkost-Ernährung am Zürichberg. Jetzt kam ich erstmals mit Rohkost in Kontakt. Meine Mutter bereitete die Salate nach dem vorgegebenen Schema von Wurzel, Blatt und Frucht zu. Jeder Teil musste im Salat enthalten sein, also beispielsweise Karotten, Feldsalat und Tomaten. Fleisch war bei uns ab sofort tabu. Uns wurde bewusst, wie harnsäurebildend Tierfleisch im Menschenkörper wirkt. Die Genesung meiner Mutter setzte kontinuierlich ein und bald war sie gesund. Sie war eine andere, bewusstere Frau geworden. Meine Eltern wurden nach den Jahren in der Schweiz nach Libyen und danach nach Düsseldorf versetzt. Dort erlitt meine Mutter verschiedentlich Gallenkoliken nach Banketten durch den Genuss von Sekt oder rahmhaltigen Speisen. Meiner Meinung nach braucht es immer eine Krise, einen Unfall, eine Krankheit, ein Trauma, einen Lebenseinschnitt, damit man sich auf sich selber besinnen lernt, sich zu spüren beginnt und schließlich ermessen kann, was einem gut tut. Wenn das Leben einfach so dahinplätschert, gibt es ja keinen Grund, etwas zu ändern. Es folgten meine Ausbildungen zur Lehrerin und zur Kirchenmusikerin, dann setzten die Unterrichtsjahre ein, die Jahre im öffentlichen Amt als Organistin, die Heirat und die Familiengründung. Es war eine sehr intensive Zeit, in der ich mich in keiner Weise um Ernährungsformen kümmerte oder sonst wie meine Lebensweise in Frage stellte. Ab und zu meldete sich jedoch leise eine Stimme in mir, anklopfend, fragend: "Ist das wirklich dein Leben, das Du führst?". Ich schenkte dieser inneren Stimme keine Beachtung, schob sie sofort weg, sie war mir unangenehm. Was, wenn ich auf sie gehört hätte? Alles wäre umzukrempeln gewesen. Als der vierte und jüngste Sohn eineinhalb Jahre alt war, erkrankte ich akut an einer Lungenentzündung, die mich wochenlang ans Bettlager fesselte. Nach dem wir lange auf Heilung gehofft hatten, fiel ich in ein tiefes Loch. Es war so unfassbar. Ich, die ich immer bestens und zur vollen Zufriedenheit aller funktioniert hatte, lag regungslos im Bett, konnte kaum aufstehen, geschweige denn, die Kinder betreuen. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Im Spital hieß es immer wieder: "Die Frau ist gesund". Unser anthroposophischer Hausarzt konstatierte eine schwere Erschöpfungsdepression, die als großer biographischer Einschnitt zu werten sei. Das war diese psychische Erkrankung in der Tat. Ich erholte mich nur ganz langsam und spürte innerlich, dass ich mit Jahren würde rechnen müssen, bis ich wieder einigermaßen fit sein würde. Ich beanspruchte in der Folge keine psychiatrische Hilfe, sondern verließ mich nun gänzlich auf meine innere Stimme, auf meine Intuition, um zu lauschen, welche Antworten von dort kommen würden. Ich spürte in der Folge immer wieder sehr deutlich, dass ich die Ehe nach vielen Jahren verlassen musste. Das Leben rief mich auf zum Wandel.

Mit vier schulpflichtigen Kindern war ich nun alleine. Finanzielle Sorgen hatte ich keine. Ich konnte mich voll den Kindern widmen, aber auch meine spirituellen Bedürfnisse endlich wahrnehmen und ihnen nachgehen, so gut es eben ging. Immer stärker zog es mich in die spirituelle Welt. Ich las sehr viel zu diesem Thema. Ich begann zu meditieren, suchte Gleichgesinnte und verband mich immer mehr mit meiner inneren Welt. So war es fast unvermeidlich, dass ich mich auch mit Ernährungsfragen zu befassen begann. Das erste Buch, das ich zu diesem Thema las, war "Die Sonnendiät" von David Wolfe. Es folgten die Schriften von Norman Walker, Markus Rothkranz, Helmut Wandmaker, Galina Schatalova, Victoria Boutenko, Louise Hay und Kurt Tepperwein. Alle haben sie etwas gemeinsam, nämlich das Bewusstsein für heilkräftige, natürliche und energetisch hochstehende Ernährung aus dem Pflanzenreich. Es wurde mir bewusst, wie wichtig natürliche Nahrung in ihrer Urform ist, also unbehandelt und unverändert in ihrem ursprünglichen Seinszustand. Das Gebiet der Rohkosternährung ist unendlich weitläufig und vielschichtig. Ich brauchte viele Jahre, um in diese Welt vorzustoßen und entdecke auch heute immer wieder Neues oder koste und versuche Ungewohntes. Je mehr ich erfahre, desto mehr stelle ich fest, wie wenig ich noch weiß. Es ist eine reiche Welt der Fülle. Die Fülle liegt im Einfachen, im Wenigen, im genügsamen Umgang mit der Nahrung, aber auch mit sich selber. Nachdem ein Bioresonanzcheck meine Milchunverträglichkeit deutlich gemacht hatte, kann ich sehr gut auf Milch und ihre schädlichen Erzeugnisse verzichten. Nuss- und Samenmilch ist sehr viel bekömmlicher und vom Körper viel leichter zu assimilieren. Die meisten Rohköstler sind ihren eigenen Weg gegangen, den Weg zum Selbst. Dieser Weg führt an der Rohkost nicht vorbei, sondern zu ihr hin. Die Rohkost macht durchlässiger für die feine Energie, die um uns und in uns ist. Sie macht allgemein empfindsamer, intuitiver, wachsamer und klarsichtiger dem Leben gegenüber. Man fühlt sich nur noch leicht. Das Völlegefühl der Normalkost stellt sich nicht mehr ein. Man verzehrt Unmengen an rohem Pflanzenmaterial. Dieses wirkt im Darm wie ein Besen und erhält ihn gesund. Ein gesunder Darm kennt keinen B12-Mangel. Meine B12-Speicher sind aufgefüllt. Spirulina gehört jedoch auch zu meiner täglichen Nahrung. Heute zähle ich 60 Jahre und es ist meine schönste und reichste Lebenszeit. Der Reichtum und die Fülle des Lebens umgeben mich. Ich fühle mich gesegnet und bin gesund und viel energiegeladener, als mit 40. Ich lebe alleine, bin wohl und eins mit mir. Ich "brauche" niemanden, um glücklich zu sein, ich trage das Glücksgefühl in mir. Ich bin eins mit allem. Alles ist eins mit mir. Leben ist Schwingung. Wenn man positive Schwingungen ausstrahlt, bekommt sie ebenso und noch viel energiegeladener zurück. Ich könnte meine Tage beschließen, sie sind ja erfüllt, erfüllt vom Sein, nicht vom Tun. Diejenigen Dinge, die im Leben wirklich zählen, sind die unsichtbaren, die unerklärlichen Dinge. Einzig sie allein haben bleibenden Wert. Die Rohkosternährung ist auch angefüllt mit dem Einen, Unerklärlichen und von daher so wertvoll, edel und kostbar, rohköstlich eben. Ernährung und Bewusstsein Ernährung beeinflusst den Geisteszustand und dieser hat einen Einfluss darauf, für welche Nahrungsmittel man sich entscheidet. Spirituell suchende Menschen entscheiden sich in der Regel für eine vegetarische, vegane oder gar rohköstliche Ernährungsweise, eine Ernährung, die ihren mentalen und spirituellen Bewusstseinszustand widerspiegelt und verstärkt. Die Ernährung darf den Suchenden jedoch keinesfalls gefangen halten oder ihn zu einem bestimmten Lebensstil zwingen. Es geht ja vorrangig darum, einfach nur zu sein. Aus diesem Sein heraus schafft man ein stimmiges Umfeld, um sich weiter zu entwickeln, hin zu stimmiger Ernährungs- und Lebensweise, die gerade zu dieser Zeit stimmt und angemessen ist. Jegliche Dogmatik, jegliches Missionieren ist da fehl am Platze und hat nur kontraproduktive Wirkung.

Jeder Mensch ist einmalig, hat eine eigene Geschichte, einen eigenen Rucksack zu tragen und auch eine ihm ganz eigene Geschichte durchlebt. Somit sind nicht alle mental gleich weit im Leben, sondern an verschiedenen geistigen Orten präsent. Letztendlich muss jeder selbst herausfinden, was ihm gut tut und was nicht. Wer zu spüren beginnt, wie müde eine gekochte Mahlzeit macht und wie energetisierend Rohkostspeisen wirken, wird aufmerksam auf die damit einhergehenden Zusammenhänge. Es ist wichtig, sich die feinstofflichen Qualitäten der Nahrung und des menschlichen Körpers anzuschauen und zunutze zu machen. Rudolf Steiner betonte, eine der wesentlichen Aufgaben eines Nährstoffes sei es, dynamische Kräfte anzuregen, die dem Prozess der Entropie (dem Altern und Zerfallen des Körpers) entgegenwirken. Man kann das Phänomen Entropie tatsächlich überwinden, wenn die Lebenskraft und die körperliche Energie auf einer hohen Ebene gehalten werden. Es ist zu beobachten, dass Menschen, die in sich stimmig leben und sich qualitativ von energetisch hochwertigen Lebensmitteln ernähren, scheinbar jünger werden, vitaler wirken und lebens- und leistungskräftiger sind.

Helmut Wandmaker schreibt hierzu in Rohkost statt Feuerkost auf Seite 15: „Krankheiten und mangelnde Vitalität haben ihren Ursprung in der täglichen, falschen Überernährung mit ausgesprochenem Nährstoffschrott, wie hitzebehandelten Fetten, Zucker aller Art, weißem Mehl, weißem Reis und all ihren genussvollen Mischungen. Sie sind im Grunde gefährliche Nichtlebensmittel geworden, die dazu noch gekocht, gebacken und gebraten werden." Bei der Zufuhr gekochter Nahrung erhöht der Organismus die Produktion der weißen Blutkörperchen, um unerwünschte Eindringling abzuwehren. Dies wird bei Rohkostgenuss nicht festgestellt. Somit wird klar, dass der Körper für die Rohkost gemacht und bereit ist. Rohkost ist nicht nur eine Lebensweise, sondern ein ganzer Lebensstil, der die meisten der Lebensbereiche verändert. Mit einer Rohkosternährung gelangt man zu besserer Gesundheit, zu mehr Zeit, zu innerem Frieden und Harmonie mit sich selbst.

Man nimmt wie automatisch gesunde Gewohnheiten an, betätigt sich körperlich, genießt das Sonnenlicht, gesunder Schlaf wird zuteil, man lernt wieder richtig zu atmen, liebt reines Wasser, wird stressresistenter und beginnt eventuell auch mit der Abhärtung des Körpers durch kaltes Wasser. Rohkosternährung ist wahrlich ein Lebensstil. Wer sich rohköstlich zu ernähren beginnt, ist kein normaler Vertreter der Gesellschaft mehr. Die meisten Menschen halten ja das Essen von gekochter Nahrung für gesund. Um Wegbereiter zu sein, ist es notwendig, dass man eigene Entscheidungen trifft, die mit dem inneren Kern übereinstimmen. Wer sich mit den Gesetzen der Natur bezüglich der stimmigen Ernährung des menschlichen Körpers befasst und diese selbst auch praktiziert, erkennt und erfährt am eigenen Leib, wie ich selbst, dass es der Gesundheit, der Immunabwehr sowie der Leistungssteigerung sehr förderlich ist, sich von Rohkost mit Früchten, Gemüse, Salaten, Samen und Nüssen zu ernähren. Im Friedensevangelium der Essener sagt Jesus: "Tötet weder Mensch noch Tier, noch eure Nahrung, die der Mund aufnimmt. Denn, wenn ihr lebendige Nahrung esst, wird sie euch beleben, aber wenn ihr eure Nahrung tötet, wird euch die tote Nahrung ebenfalls töten. Denn Leben kommt von Leben, und von Tod kommt immer nur der Tod. Denn alles, was eure Nahrung tötet, wird auch euch töten. Und was eure Körper tötet, tötet auch eure Seelen. Und eure Körper werden, was eure Nahrung ist, so euer Geist das wird, was eure Gedanken sind. Denn wahrlich, ich sage euch, lebt nur durch das Feuer des Lebens, und bereitet eure Speise nicht mit dem Feuer des Todes, das eure Nahrung tötet, eure Körper und Seelen auch.”

Deutlicher kann man es nicht sagen. Für einen Rohköstler ist es jedoch nicht einfach, in der Gesellschaft zu leben. Ihm begegnet wenig Verständnis. Die Kochköstler fühlen sich betroffen und ahnen eventuell doch, dass der Rohkost-Essende den richtigen und stimmigen Weg beschreitet. Es ist die Angst, aus der Gewohnheit, auch aus der Bequemlichkeit heraus gerissen zu werden, die die "Normalos" mit Vorurteilen, Aggression und Ablehnung reagieren lässt. Es gilt hier, standhaft zu bleiben und konsequent den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er zuweilen steinig ist. Aber es ist der ehrliche, der richtige Weg, der zu einem selber führt. Was gibt es Kostbareres, Erhabeneres und Schöneres?

Esther Maria Wild

www.ganzheitlichlernen.ch