Natürliches Aufwachsen von Kindern

11.04.2017

Was wir aus der Evolution lernen können

Trotz der zahlreichen wissenschaftlichen Informationen, öffentlichen Diskussionen und einer Flut an Ratgeberliteratur wissen viele von uns nicht, was unsere Kinder wirklich brauchen. Statt auf immer neueste wissenschaftliche Expertenmeinungen, Therapeuten, Logopäden, wirtschaftliche Innovationen und ihre Antworten auf unsere Fragen zu setzen, sollten wir innehalten und einen Schritt zurückgehen.

WA-Aktuell, Ausgabe 89, September 2014

Ein Blick in die Menschheitsgeschichte verrät uns nicht nur etwas über natürliche Ernährung, sondern ganz im Allgemeinen, was uns Menschen als Wesen ausmacht. Gerade im Bereich der Kindererziehung herrscht in unserer heutigen Gesellschaft, besonders unter den Eltern, sehr viel Unsicherheit. Trotz der zahlreichen wissenschaftlichen Informationen, öffentlichen Diskussionen und einer Flut an Ratgeberliteratur wissen viele von uns nicht, was unsere Kinder wirklich brauchen. Statt auf immer neueste wissenschaftliche Expertenmeinungen, Therapeuten, Logopäden, wirtschaftliche Innovationen und ihre Antworten auf unsere Fragen zu setzen, sollten wir innehalten und einen Schritt zurückgehen. Die evolutionäre Perspektive stellt die Chance dar, zurück zum ursprünglichen Wesen des Menschen zu finden, zurück zu uns selbst und unseren wahren Bedürfnissen als Menschen. Hierin liegt der Schlüssel, unsere Kinder zu verstehen und ihnen eine gute Kindheit zu bieten. Um ihr Urvertrauen ausbilden zu können, ihre Empathie und ihre sozialen Kompetenzen, brauchen Kinder nichts anderes als das, was Kinder früherer Generationen dafür brauchten. In einem gelungenen Aufwachsen unserer Kinder liegt das Fundament künftiger Generationen und damit unserer Gesellschaft.

Kindheit und Konsum - was brauchen unsere Kinder heute?

Die Eltern von heute stehen unter einem sehr hohen Druck. Dem Druck, ihren Kindern eine perfekte Kindheit zu bieten. Dieser Anspruch kollidiert mit der gleichzeitigen Unsicherheit, welche moderne Eltern heute umgibt und den zahlreichen Fragen, die daraus resultieren. Wie viel Nähe braucht das Kind? Wie lange soll das Kind gestillt werden? Wie werden Talente erkannt und gefördert? Welches ist die richtige Erziehungsmethode? Um diesem Anspruch zu genügen und die Unsicherheit zu kompensieren, versuchen die Eltern, ihren Kindern besonders viel Gutes zu tun. Damit sie eine Bestätigung für ihre Mühen haben, müssen ihre guten Taten sichtbar sein. Für sie selbst und für andere, als Versicherung dafür, auch tatsächlich gute Eltern zu sein. In einer materialistisch denkenden Gesellschaft wie unserer, lässt sich dies vor allem durch Konsum ausdrücken. Indikatoren dafür sind also beispielsweise ein tolles Kinderzimmer - schön gestrichen, hübsch eingerichtet. Die Kinder bekommen das beste Spielzeug, natürlich nach allen ökologischen Gesichtspunkten einwandfrei. Ein nagelneuer Kindersitz für das Auto, denn ein gebrauchter bedeutet Sicherheitsverlust. Natürlich gehört auch ein schöner Sandkasten in den Vorgarten, eine Rutsche oder eine Schaukel. Das frühkindliche Entwicklungsförderungsprogramm, die Baby-Massage, später der Turnunterricht, Kinder-Yoga, Flötenunterricht, Reiten, Sprachfrüherziehung. Es ist wichtig zu wissen, welche Marken für Kleidung und Schuhe die besten sind und die Eltern von heute sind bereit, eine Menge Geld auszugeben. Damit sie die richtigen Entscheidungen treffen, lesen sie sich stunden lang in Testberichte ein, surfen durch das Internet, lesen Ratgeber und erkundigen sich bei pädagogischen Experten. Mit den anderen Eltern diskutieren sie die nächste anstehende Anschaffung und fragen sich, welches der Laufräder auf dem Markt wohl das Beste für ihr 18 Monate altes Kind ist: Denn sie wollen ihm eine bestmögliche motorische Schulung bieten, seinen Gleichgewichtssinn üben, damit es möglichst früh und effizient das Fahrradfahren beherrscht. Es ist ihnen wichtig, dass ihr Kind mithalten kann mit den anderen, dass es in der Schule besteht, früh selbstständig wird und später gute Arbeitsmarktchancen hat.

Wir haben uns von uns selbst entfremdet

Wenn die Eltern ihre Liebe darin ausdrücken, ihrem Kind etwas zu geben, ist das grundsätzlich nicht falsch. Es liegt in der Natur der Liebe - besonders der Elternliebe, sie in einem bedingungslosen Geben auszudrücken. Doch scheint es als hätten wir verlernt, was unsere Kinder tatsächlich brauchen! Würden die Großmütter und Urgroßmütter der heutigen Elterngeneration sehen, was heute unter einer guten Kindheit verstanden wird, würden sie das wahrscheinlich für verrückt erklären. Erinnern wir uns zunächst einmal an unsere eigene Kindheit. Viele von uns sind in materiell bescheidenen Verhältnissen groß geworden, zumindest in bescheideneren Verhältnissen, verglichen mit dem heutigen Standard. Wir besaßen nicht viel. Nicht viel Spielzeug, keine Laufräder und unser Sandkasten war das brach liegende Gemüsebeet. Geschenke gab es an Weihnachten und an Geburtstagen, darüber hinaus nicht. Auch haben wir mit unseren Eltern mal etwas unternommen, waren im Schwimmbad oder im Zoo. Sie haben uns nicht täglich zu irgendeinem Unterricht gefahren. Sie waren da, irgendwo im Hintergrund. Sie haben uns getröstet, wenn wir uns wehgetan haben und unsere Fragen an die Welt beantwortet. Aber die meiste Zeit waren wir mit anderen Kindern zusammen, haben mit unseren Geschwistern und Nachbarn gespielt, waren draußen, haben in Pfützen geplanscht, in der Erde gewühlt, Stöcker gesammelt, Vogelnester gesucht, Löwenzahn und Eicheln gegessen. Wir durften einfach Kinder sein. Ohne Laufräder, ohne Sandkasten und ohne Kontrolle. Das Gefühl der Kindheit war ein Gefühl von Freiheit und Entdeckergeist. Die Zeiten haben sich geändert und die heutigen Eltern haben vergessen, was ihre eigene Kindheit so wertvoll machte. Die Bedürfnisse, die sie auf ihre Kinder projizieren, sind mittlerweile in erster Linie die der Wirtschaft, sowie ihr Bedürfnis nach Selbstbestätigung und Anerkennung. Dabei befinden sie sich in einem Teufelskreis, der sie in einen permanenten Konsumzwang führt, sie letztlich unbemerkt immer weiter von ihren Kindern entfremdet - und damit auch von sich selbst. Die Menschen verlernen, Kinder zu gebären, sie angemessen zu ernähren, sie zu pflegen, groß zu ziehen und werden immer abhängiger von der Wirtschaft, die uns vermeintlich für jedes Problem eine Lösung bietet.

Zurück in die Menschheitsgeschichte

Lassen sie uns dorthin schauen, wo wir Menschen herkommen, wo auch die Kinder herkommen. Lassen sie uns in der Menschheitsgeschichte zurückgehen. Stellen wir uns ein paar Fragen: Brauchen Kinder, um groß zu werden, als Babys einen Kinderwagen und ein Babybett? Brauchen Kinder ihr eigenes Zimmer? Die neusten Förderspielzeuge? Brauchen sie Folgemilch und einen Schwimmkurs, damit sich ihr Köpergefühl entwickeln kann, - wie die Anbieter solcher Kurse es postulieren? Warum ist es wichtig, dass Kinder möglichst früh möglichst selbstständig werden? Jahrmillionen brauchten sie all dies nicht und sie sind trotzdem groß geworden. Die Wahrheit ist, dass sie es auch heute nicht brauchen. Ihr Entwicklungsprogramm hat sich nur wenig verändert und entspricht noch dem, von Kindern frühmenschlicher Generationen. In ihnen steckt ein Muster, welches das Ergebnis Jahrtausend und Jahrmillionen alter Herausforderungen ist, vor denen die Kinder immer wieder standen. In diesem Muster stecken vor allem die Stärken von uns Menschen, das, was uns immer wieder aufs Neue geholfen hat, erfolgreich groß zu werden. Die Entschlüsselung dieser Muster führt uns zu den wahren Bedürfnissen von Kindern.

Mythos Selbstständigkeit

In unserer heutigen Erziehung scheint es das vorderste Ziel zu sein, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. Natürlich ist dies ein grundlegendes Ziel jeder Lebensart, denn es geht letztlich darum, dass die Kinder irgendwann selbstständig leben können ohne auf ihre Eltern angewiesen zu sein. In der heutigen Erziehung wird jedoch versucht, dieses Ziel quasi direkt nach der Geburt in Angriff zu nehmen. Die Kinder sollen in ihren eigenen Betten, in ihren eigenen Zimmern schlafen. Sie sollen alleine einschlafen lernen. Ansonsten, so die gängige Annahme, würden die Kinder an die Nähe gewöhnt und würden es nicht schaffen, selbstständig zu werden. In unserer, auf Individualismus und Unabhängigkeit geprägten Gesellschaft, ist dies nur allzu einleuchtend. In das evolutionäre Muster, das in den Kindern wohnt, passt dies allerdings nicht hinein. Kleinkinder wurden ursprünglich viel intensiver mit Nähe versorgt. Sie befanden sich kontinuierlich im Nahbereich der Erwachsenen, sie wurden getragen und lagen nachts in der Wärme und im Schutz der Eltern. Selbstverständlich wurden sie lange gestillt und bekamen statt Folgemilch als erste Mahlzeit, was gerade jahreszeitlich zur Verfügung stand. Beeren, Früchte, Wurzeln... Ist es heute notwendiger als damals, früh selbstständig zu sein? Im Gegenteil! Schaut man sich heutige Stammesgesellschaften an, die vergleichbar sind mit den Jägern und Sammlern vergangener Zeiten, wird man die erstaunliche Entdeckung machen, dass dort schon 4-jährige Kinder mit Pfeil und Bogen unterwegs sind. Ohne ihre Eltern. Ein Vergleich zwischen Kindern aus dem Stamm der Kung der afrikanischen Kalahari-Wüste und Kindern aus London zeigt, dass Erstere mit fünf Jahren sozial kompetenter und unabhängiger waren, obwohl sie mit drei Jahren noch am Busen der Mutter hingen. Ein Paradox? Nein, denn das kindliche evolutionäre Muster ist zunächst auf Nähe programmiert, das ihnen Schutz und Sicherheit, und damit Überleben garantiert. Erfahren sie dieses Urvertrauen, kann sich von selbst ihr nächstes Programm einschalten. Dann kommt der Forscherdrang, der die Kinder dazu bewegt, sich aus dem Schoss der Mutter zu bewegen und sich mit ihrer Erfahrung von Urvertrauen in die unbekannte Welt zu begeben. Etwa mit drei Jahren geschieht die erste große Loslösung der Kinder von ihren Eltern. Die Kinder gingen jetzt über in das soziale Treiben ihres Stammes, wo sie vor allem in gemischtaltrigen Kindergruppen und mit anderen Erwachsenen einen sozialen Lebensstil erlernten. Selbstständigkeit kann also nicht durch einen frühen Entzug von Nähe gefördert werden, er kann grundsätzlich nicht von außen an das Kind herangetragen werden. Er geschieht aus den Kindern selbst heraus, wenn diese ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechend behandelt werden. An dieser Stelle macht die heutige Erziehung den nächsten Gedankenfehler. Denn Selbstständigkeit aus evolutionärer Sicht bedeutet nicht, sich von anderen unabhängig zu machen, sondern beinhaltet eine starke soziale Komponente. Die Selbstständigkeit des Menschen beruht auf einem kompetenten Umgang mit anderen Menschen, nicht sich rauszuziehen und zu vereinzeln ist das Ziel, sondern mitmachen zu können, in der Gemeinschaft seinen Platz zu finden.

Zurück zur (kindlichen) Gemeinschaft

Viele Kinder haben heute nicht mehr die Gelegenheit, sich frei in Gruppen zu entfalten. Sie bewegen sich entweder im kleinfamiliären Kontext, oft als Einzelkind, meistens mit nur einem Geschwisterkind. In einem typischen deutschen Einfamilienhaushalt geht ein Elternteil arbeiten und der andere Teil ist mit ein bis zwei Kindern allein zu Hause. Weitere Ansprechpartner gibt es für das Kind in solch einem Haushalt nicht. Wo also kann das Kind seine sozialen Kompetenzen erlernen? Wo bekommt es seine Vorbilder her? Wo lernt es, wie unterschiedlich die Menschen und ihre Eigenarten sein können? Auch mangelt es heute an Gelegenheiten für Kinder, sich mit anderen Kindern zu vergemeinschaften. Und damit sind nicht formal organisierte Spielgruppen oder Kindergärten gemeint, die hochgradig durch Erwachsene vorstrukturiert und organisiert sind, und in denen die Kinder quasi ständig unter der Kontrolle der Erwachsenen stehen. Gemeint sind vielmehr informelle Gelegenheitsgruppen oder liebevoller ausgedrückt - "Kinderbanden", wie sie typischerweise in Nachbarschaften vorkommen. Hier sind Kinder unterschiedlichen Alters, die zusammen die Welt entdecken und sich in ihrem eigenen Regelsystem ordnen. In unseren individualisierten Gesellschaften haben die Menschen zunehmend weniger Zeit, dauerhaft in die Beziehungen zu Familienmitgliedern, Verwandten und Nachbarn zu investieren. Das wirkt sich eins zu eins auf das soziale Gefüge von Kindern aus. Aus evolutionärer Sicht sind diese informellen Gruppen von Kindern für die Entwicklung außerordentlich wichtig, sie waren quasi der Ort schlecht hin, an dem Kinder lernten! Denken wir an die vielen Kinderbücher, die Klassiker, die über Generationen hinweg die Kinderaugen zum Leuchten bringen: "Pippi Langstrumpf", "Bullerbü", "Die rote Zora" oder "Die fünf Freunde". Immer geht es um Kindergruppen, die autonom agieren und die Welt auf eigene Weise entdecken. Nicht umsonst lösen die Bücher generationenübergreifend Faszination bei Kindern aus, denn sie offenbaren die wahren kindlichen Bedürfnisse! Auch die Erwachsenen lassen sich gerne noch von dieser Kinderwelt verzaubern und denken dabei nicht selten an ihre eigene Kindheit. Sie kommen jedoch nicht auf die Idee, ihren Kindern eine solche Welt zu bieten, sondern setzen ihre Kinder stattdessen in der freien Zeit ins Auto, um sie zum nächsten Unterricht zu fahren. Ein durchorganisierter Rhythmus der Kindheit ist gut gemeint, läuft aber den natürlichen Bedürfnissen der Kinder entgegen. Angst ist mit im Spiel, - Kinder in einem gewissen Rahmen sich selbst und ihren Abenteuern zu überlassen, löst bei den Eltern ein Unbehagen aus. Zu groß scheinen doch die Gefahren zu sein, denen die Kinder ausgesetzt werden können. Sie sollen sportlich sein und Körpergefühl lernen. Dies geschieht im Turnunterricht in sichererer Weise, als wenn Kinder ohne Aufsicht auf Bäume klettern oder auf Straßen und Hinterhöfen spielen. Diese, von Kindern ehemals selbstverständlich besetzte Räume, sind heute nahezu kinderleer. Offensichtlich scheint es den Erwachsenen an Urvertrauen zu fehlen. Ihnen ist das Vertrauen verloren gegangen, dass ihre Kinder kompetent genug sind, sich in Gruppen spielerisch gegenseitig die Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen. Damit haben Kinder nicht nur wichtige erwachsenenfreie Erfahrungsräume verloren, sondern auch das Zusammensein mit älteren und jüngeren Kindern, in denen sie lernen, wie das soziale Gefüge funktioniert. Sie lernen beispielsweise nicht, das "auf die Älteren hören" und Verantwortung für die Kleineren zu übernehmen. Kinder bewegen sich heute vor allem in altershomogenen Gruppen, eine Erfindung der Erwachsenen, welche die Kinder so besser organisieren und vermeintlich effektiver erziehen und auf ihre Bedürfnisse eingehen können. Genau das Gegenteil ist allerdings der Fall! Aus evolutionärer Sicht sind solche gleichaltrigen Gruppen eine absolute Neuheit, eine Erfindung der Moderne der letzten hundert Jahre. Evolutionsbiologen wissen, dass Gruppen verschieden alter Kinder nach der Bindungsphase an die Eltern, der soziale Erfahrungsraum von Kindern überhaupt waren. Sie sind es weltweit, in traditionellen Gesellschaften, heute noch. Gibt man zwei 4-jährigen Kindern einen Ball zum Spielen, wird der Lerneffekt nicht groß sein. Beide werfen und fangen noch nicht gut, das Spiel ist vorbei. Gibt man einem 7-jährigen und einem 4-jährigen Kind einen Ball, so sieht die Sache anders aus. Durch das ungeschickte Werfen des kleinen Kindes, ist das ältere Kind herausgefordert, diese Bälle gut zu fangen. Es muss sich geschickter beim Werfen anstellen, damit das jüngere Kind den Ball fangen kann. Beide werden in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, wenn sie die Erfahrung machen, dass es gut gelingt. Die heutige Entwicklungspsychologie zeigt viele weitere Vorteile dieser kindlichen Gemeinschaftsform auf.

Gebt den Kindern ihre Räume zurück!

Der Raum, den Kinder zum Spielen haben, hat sich dramatisch verändert. Allein der Raum im Freien, den Kinder zum Spielen nutzen können, ist laut einer britischen Studie, seit den 70er Jahren um 90 % zurückgegangen. Während in Deutschland in den 90er Jahren noch drei Viertel der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren täglich draußen spielten, waren es 2003 nicht einmal mehr die Hälfte. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor bringt es auf den Punkt: "Lässt man den Zeitraffer laufen, wurden den Kindern zuerst die Wälder genommen, danach die Wiesen, die Hinterhöfe, die Brachflächen, dann die Straßen, Gassen und Gärten." An Stelle dieser Räume sind heute vor allem Institutionen getreten, die sich der Erziehung und Förderung von Kindern annehmen. Das sind beispielsweise staatliche Einrichtungen wie Krippe, Kindergarten und Hort, in denen professionelle Erzieher gegen Entlohnung Erziehungsaufgaben übernehmen, die traditionellerweise in der Großfamilie lagen. Der Soziologe James Coleman sieht dies kritisch. Er meint, dass professionelle Erzieher und die Institutionen, in denen sie arbeiten, Eigeninteressen und einer Eigenlogik folgen, die nicht notwendigerweise den Erfordernissen der kindlichen Entwicklung zu einer reifen erwachsenen Persönlichkeit folgen. Häufig können sich zwischen den Kindern und den erwachsenen Bezugspersonen keine stabilen und persönlichen Beziehungen aufbauen. Die Form der Beziehung in diesen Einrichtungen, lässt sich mehr als eine Dienstleistungsbeziehung, und weniger als eine, auf Liebe und Authentizität basierende, familiäre Beziehung beschreiben. Jenes personalisierte Vertrauen, das Jahrtausende die Grundlage der Erziehung war, kann hier nicht erfolgen.

Und nun?

Die hier aufgezählten Aspekte sind nur wenige von vielen Erkenntnissen aus der Evolutionsforschung, die den Menschen wieder ein Stück zu sich selbst und seinem ursprünglichen Wesen bringen können. Wir sollten aus ihnen lernen. Für die heutige Elterngeneration gilt es, den Kindern wieder langfristige und vertrauensvolle Beziehungen im sozialen Nahbereich zu bieten. Dies sind die Eltern selbst, indem diese anwesend sind und ihnen in ihrer frühen Kindheit die nötige Nähe geben. Später, wenn die Zeit reif ist, können Eltern ihre Kinder unterstützen, sich autonom in erweiterten Beziehungsräumen, mit Nach- barn und Familienangehörigen sowie deren Kindern zu bewegen und langfristige Lebensbegleiter zu finden. So lernen sie, gesunde, verlässliche, empathische und authentische Beziehungen aufzubauen. Ebenso wie ein Gärtner für einen fruchtbaren Boden für seine Pflanzen sorgen muss, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kinder einen Rahmen vorfinden, innerhalb dessen sie sich bedürfnisgerecht entwickeln können. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass unsere Kinder auf ihren Entwicklungsweg bereits sehr gut vorbereitet sind. Das wiederum bedeutet, dass wir Eltern unseren Kindern vertrauen sollten. Wir sollten ihnen vertrauen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen können, und nicht wir alles für sie tun müssen. Sie brauchen nicht das neuste Förderspielzeug, - sie brauchen die Auseinandersetzung mit dem Lebendigen, mit anderen Kindern draußen in der Natur. Sie brauchen auch uns Erwachsene als stabile Lebensbegleiter, die sie mit Liebe und Empathie in ihrer Entwicklung unterstützen. Zurück zur Natur heißt eben auch - Zurück zur Gemeinschaft, in denen sich stabile soziale Beziehungen frei entfalten können.

Zu diesem Thema zu empfehlen sind folgende Bücher von Herbert Renz-Polster: "Menschenkinder", "Kinder verstehen" und "Wie Kinder heute wachsen"

Vita:

In der "School Of Raw" von Ute Ludwig werden Wissen und Erfahrung zum Thema Rohkost und vegane Vollwertkost in Form von Workshops und Seminaren in fröhlicher und entspannter Atmosphäre vermittelt. Egal ob Neuling oder bereits mit Vorwissen, hier ist jeder willkommen. 

www.nordischroh.com