Wenn die Schilddrüse Kummer bereitet

27.03.2017

Aus WA-Aktuell Ausgabe 93, Mai 2015

Die Schilddrüse schützt und steuert unser Leben

Bereits 2700 vor Christi haben chinesische Ärzte Kröpfe (dicke Schwellungen des Halses) mit gerösteten Meeresalgen und -schwämmen behandelt und geheilt. Im Jahre 990 hat ein arabischer Arzt Ali-ibn-Abbas, zum ersten Mal berichtet, einen Kopf durch Operation verkleinern zu können (wie es ausging ist unbekannt). 1475 versuchte Wang Hei mit zerhackter, getrockneter Schilddrüse tierischen Ursprungs zu therapieren - mit Erfolg. 1916 isolierte Kendall dann erstmalig Thyroxin, das Schilddrüsenhormon, aus tierischen Schilddrüsen - wofür er 1950 den Nobelpreis erhielt. 1917 wurde zum ersten Mal eine überaktive Schilddrüse mit Röntgenstrahlen zerstört. Schließlich schafften es Harrington und Barger im Jahre 1928 das Hormon künstlich im Labor zu erzeugen, wodurch der Preis für die Therapie dramatisch fiel und für viele Betroffene erschwinglich wurde.

Seither ist das Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten praktisch unverändert: Hormone substituieren, medikamentös eine Überfunktion unterdrücken, operieren oder Gewebe durch Bestrahlung zu zerstören. Dieses ist kaum nachvollziehbar, denn wir wissen zwischenzeitlich so viel mehr über die Vorgänge in der Schilddrüse sowie um Zusammenhänge mit anderen Hormon- und Organsystemen.

Hormone betrachten wir als chemische Boten, die Information in Zielgebiete bringen und dort bestimmte Aktionen oder Ruhepausen auslösen.

Sie alle arbeiten wie eine Symphonie zusammen, wenn einzelne Instrumente ganz leise, zu laut werden oder komplett ausfallen, stimmt die Komposition nicht mehr - das ist hörbar, und bezogen auf den Körper spürbar. Es gibt horizontale Wechselwirkungen - z.B. zwischen den Nebennierenrindenhormonen Cortisol, Adrenalin, Noradrenalin (siehe Artikel Hormonberge/Hormontäler), der Schilddrüse und den Gonaden (siehe Artikel Sexualhormone). Es gibt aber auch vertikale Interaktionen - bei der Schilddrüse ist es die Hypothalamus-Hypophysen- Schilddrüsen-Körperzellen Achse.

Der Hypothalamus und die Hypophyse sind Zentren im Gehirn, eine Art Kommando- und Schaltzentrale, in der Informationen über den Zustand aller Organsysteme zusammenlaufen und entschieden wird, wie der Körper und einzelnen Hormondrüsen darauf reagieren sollten. Daraufhin schütten diese beiden Zentren entsprechende "Befehlshormone" aus, die den jeweiligen Hormon produzierenden Stellen sagen wie viel an Hormonen produziert werden sollte. Ist die Hormondrüse gesund, wird sie gehorchen.

In unserem Falle handelt es sich bei diesem Befehlshormon von oben um das TSH - das thyroidea (griechisch für Schilddrüse) -stimulierende Hormon. Wollen wir nun überblicken, wie unser Schilddrüsensystem funktioniert, genügt es nicht, nur die Werte der Schilddrüsenhormone T3 und T4 anzusehen, sondern bergaufwärts auch das TSH und flussabwärts auch die einzelnen Zellen zu betrachten kommen T3 und T4 auch innerhalb der Zellen an und wirken sie dort auch wie sie sollen - nämlich Stoffwechsel anregend?

Ein Ungleichgewicht der Schilddrüsenhormone kann praktisch jede denkbare Krankheit imitieren da diese Hormone bewirken, dass Sauerstoff, den wir atmen, in jeder Zelle zu Energie umgewandelt wird. Funktioniert das Schilddrüsenhormonsystem aber einwandfrei, fühlen wir uns ausgezeichnet: aufgeweckt, aufmerksam, interessiert, wissbegierig, lebenshungrig, lebendig. Französische Ärzte nennen das Schilddrüsenhormon das Liebeshormon (nicht, wie man erwarten würde, das Östrogen oder Testosteron).

Die Symptome einer Erkrankung, die die Schilddrüse betrifft, können folglich vielfältig sein:

Bei einem Mangel an Hormonen: brüchige Nägel, Haarausfall, ausgeprägte Morgensteifigkeit, raue Stimme, Muskelschwäche (nicht zu verwechseln mit Müdigkeit), Lethargie, Gehirnnebel, niedrige Sexualhormone, Schläfrigkeit, trockene, schuppige Haut, weiß werden von Fingerspitzen, Kälteempfindlichkeit - auch im Sommer, Herzprobleme, Blutdruckproblem, erhöhtes Cholesterin, niedriges Cortisol, Karpaltunnelsyndrom, multiple Allergien, Wasseransammlungen im Gewebe und im Gesicht, z.B. unter den Augen, Blutzuckerprobleme, Endometriose, Schlafstörungen, beschleunigtes Altern und unzählige weitere Auswirkungen.

Bei einem Überschuss an Hormonen: Unruhe, Gereiztheit, Wut- und Panikattacken, Zittern, Hunger, Hitzewallungen, hervortretende Augen, Schlaflosigkeit, Gewichtsabnahme, Knochenbrüche, Osteoporose ...

Im Normalfall bildet die Schilddrüse etwa 80% T4 und 20% T3. Die Zahlen benennen die Anzahl von Jodionen im Molekül. Nun ist das T4 nicht sehr aktiv, dafür langlebig. Erst wenn es in das kurzlebige T3 umgewandelt wurde, also ihm ein Jodion durch ein intrazelluläres Enzym, der Dejodinase, entzogen wurde, wird es zum peitschenden Vorarbeiter für all die kleinen intrazellulären Fabriken, die von Zelle zu Zelle unterschiedlich sind, je nachdem, ob wir eine Gehirn-, Eierstock-, Haut- oder Stimmbandzelle betrachten. Wir dürfen nicht vergessen, dass es zusätzlich zur richtigen Umwandlung nötig ist, dass in den Zellen ausreichend Zink und Selen vorhanden ist - beide sind nötig um gemeinsam mit dem entstandenen T3 die nötigen Funktionen auszuführen.

Die beste Methode, zu kontrollieren, ob diese Umwandlung in den Zellen von T4 zu T3 ordentlich abläuft, ist die Temperaturmessmethode:

Messen Sie Ihre Temperatur unter der Zunge mit einem Digitalthermometer (aus der Apotheke). Nicht frühmorgens gleich nach dem Aufstehen und nicht nach 20 Uhr. Sammeln Sie Werte zu unterschiedlichen Tageszeiten an möglichst vielen verschiedenen Tagen (mindestens 10 verschiedene Tage, maximal 4 Werte pro Tag). Wenn Sie über 40 Werte haben, gerne auch mehr, dann addieren Sie sie alle und teilen durch die Anzahl der Werte. Das ist Ihre durchschnittliche Tagestemperatur unter Aktivität (damit meine ich: nicht ruhend oder schlafend. Auch wenn Sie einen Schreibtischjob haben, den Sie vielleicht gar nicht als Aktivität empfinden ist wichtig zu wissen, wie sich Ihre Temperatur im Laufe des Tages einpendelt). Diese durchschnittliche Temperatur sollte, sofern die Umwandlung ordnungsgemäß stattfindet, zwischen 36,8 und 37,2⁰C.

Ist die durchschnittliche Temperatur niedriger, sieht es danach aus, als ob die Dejodinase ihre Arbeit nicht richtig verrichtet und wir haben möglicherweise normale Blutwerte von T3 und T4 im Laborergebnis, aber trotzdem viele Symptome einer Unterfunktion. Häufig sträubt sich der behandelnde Arzt weiter zu forschen, glaubt, der Patient simuliert oder bildet sich die Beschwerden nur ein und sollte sich doch zusammenreißen: "Ihre Werte sind im Normbereich! Vermutlich sind Sie depressiv, ich verschreibe Ihnen ein Antidepressivum.". Eine solche Fehlfunktion der Dejodinase sieht man häufig bei hoher Stressbelastung, nach traumatischen Erlebnissen - (Tod eines geliebten Menschen, Scheidung, Jobverlust), bei erhöhtem und erniedrigtem Cortisol oder erniedrigtem Progesteron. Wichtig ist hier nicht, wie es manche Therapeuten machen, einfach nur Schilddrüsenhormone zu verschreiben und ständig die Dosis zu erhöhen, sondern nach der Ursache zu forschen und diese zu behandeln.

Der Zustand von zu wenig aktivem Schilddrüsenhormon, egal welcher Ursache, wird Hypothyreose oder Unterfunktion genannt. Das Gegenteil ist ein Zuviel an Hormonen: die Hyperthyreose oder Überfunktion. Die dritte Möglichkeit ist die Autoimmunerkrankung: wenn das Immunsystem fehlgeleitet ist und die Zellen der Schilddrüse angreift - das kann sich sowohl als Unter- (Hashimoto) bzw. in Überfunktion (Morbus Basedow) auswirken, häufig auch abwechselnd - das ist für die Patienten besonders anstrengend und belastend. In diesen Fällen sollte nach Antikörpern gegen Teile der Schilddrüsenzellen im Blut gesucht werden, um die Diagnose zu bestätigen.

Was kann das System Schilddrüse aus dem Gleichgewicht bringen?

  • Stress

  • Nährstoffdefizite: Iod und die Aminosäure Tyrosin (die Bausteine vom Schilddrüsenhormon) Selen, Zink, beides wichtige Kofaktoren in der Wirksamkeit und Umwandlung der Hormone

  • Hypokalorische Diät (Anorexie, Bulimie aber auch stetiges "aufs Gewicht achten, zu wenig essen")

  • Pestizide bei konventionell angebauten Nahrungsmitteln

  • zu wenig Melatonin

  • Östrogendominanz

  • Lithium (ein Antidepressivum, das manchmal als Nahrungsergänzungsmittel genommen wird

  • Zu hohe Kupferwerte im Blut (Nüsse, Bohnen)

  • Schilddrüsenunterdrückende Nahrungsmittel wie Soja, Spinat, Erdnüsse, Kohlgemüse wie Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Radieschen und alle Kohlarten, falls sie öfter gegessen werden, insbesondere im rohen Zustand. In 1928 haben A. Chesney, T. Clawson, and B. Webster Hasen ausschließlich mit Kohlblättern gefüttert, mit dem Ergebnis, dass die Hasenschilddrüsen komplett ihre Funktion aufgaben - das ist der Grund, warum ich meinen Patienten immerzu wiederhole: AB WECHSLUNG in der Diät. Obst, Gemüse, Blätter, Sprossen - alles muss abgewechselt werden, ein Zuviel von einem Nahrungsmittel ist nie eine gute Idee.

  • Alkohol

  • Röntgenstrahlen/Radioaktivität

Was tun, wenn man vermutet oder weiß, dass die eigene Schilddrüse nicht optimal funktioniert?

Erstens sollte man die genannten Stressoren der Schilddrüse soweit wie möglich reduzieren. Zweitens sollte man die Werte bestimmen lassen - ideal sind TSH, T3, T4, fT3 und fT4 und falls der Verdacht einer Autoimmunerkrankung besteht, auch die Antikörper. T4 ist das gesamte T4. fT4 ist der freie Anteil, der im Blut ohne Transportprotein schwimmt. Es sind nur diese freien Hormone, die durch die Zellwände ins Innere der Zellen gelangen können um zu T3 umgewandelt zu werden. Zusätzlich macht es Sinn, auch Jod im Urin bestimmen zu lassen sowie die intrazellulären Eisenwerte, die häufig niedrig sind (z.B. über Labor Ganzimmun, Mainz). Man sollte auch seine Temperatur, wie beschrieben, messen.

Stellt sich nun heraus, dass die Werte nicht in Ordnung sind, wären eventuell noch weitere Untersuchungen nötig (weiterführende Laborwerte, Ultraschall, ein Szintigramm der Schilddrüse) eine kleine Menge an radioaktiver Substanz wird in die Armvene gespritzt. Diese Substanz wird nur von den aktiven und funktionierenden Zellen der Schilddrüse aufgenommen. Ein Scanner fährt im Abstand von ca. 20cm über dem Hals hin und her und misst die Strahlung. Daraus kann man ableiten, wie groß und wie aktiv die Schilddrüse ist, ob sie Stellen ohne Aktivität hat (sogenannte kalte Knoten) oder vielleicht auch Stellen mit erhöhter Aktivität (heiße Knoten). Die Strahlenbelastung ist klein und vermutlich ein akzeptabler Preis für den Gewinn an Informationen. Erst wenn all diese Informationen zusammengetragen wurden, die Nährstoffversorgung, andere Hormonsysteme gecheckt wurden und das Bild von Ursache und Diagnose klar geworden sind, kann man zur Therapie schreiten.

Falls es nötig wird, Schilddrüsenhormone zu substituieren, finde ich die natürliche Hormontherapie besser als die synthetische Hormongabe. Den Patienten geht es einfach besser mit Präparaten wie Armour, einem amerikanischen Mittel, das hier erhältlich ist, denn es enthält nicht nur T4 und T3, sondern auch T2 und T1 und weitere Stoffe, die in der Schilddrüse produziert werden und von denen wir noch gar nicht wissen, wozu genau sie dienen - sinnvoll sind sie mit Sicherheit. Im Gegensatz dazu liefert das künstliche Schilddrüsenhormonpräparat nur das T4. Der Nachteil von natürlichen Schilddrüsenpräparaten ist, dass sie tierischen Ursprungs sind.

Bei einer Autoimmunerkrankung (so wie bei eigentlich jeder Erkrankung aber hier ganz besonders) MUSS der Darm saniert werden. Hier liegt häufig die Ursache der Erkrankung. Ein sanierter Darm mit einer Besiedlung an überwiegend gutartigen Bakterien wird wertvolle Nährstoffe durchlassen ins Körperinnere, die zuvor durch eine entzündete Darmschleimhaut nicht durchkamen und jene Stoffe filtern, die nichts im Körper verloren haben und die möglicherweise zuvor überhaupt erst zur Ausbildung der Autoimmunerkrankung beigetragen haben.

Da stärkere Über- und Unterfunktionen gefährlich werden können, empfehle ich immer, einen schulmedizinischen Kollegen zu Rate zu ziehen. Nicht alle Probleme lassen sich alternativmedizinisch lösen.

An unterstützenden Maßnahmen neben der Therapie, bei leichteren Dysbalancen vielleicht sogar alleine ausreichend:

  • Avocado, Kokosöl, Leinöl l Yoga - besonders Übungen bei denen man das Kinn anzieht. Das presst die Schilddrüse zusammen wie einen Schwamm und drückt das Blut heraus. Wenn man dann in die Entspannung geht, kommt sauerstoffreiches Blut zurückgeströmt. Durch die Wiederholungen wird die Schilddrüse gut durchspült und genährt.

  • Tyrosin - ist eine überwiegend tierische Aminosäure. Man findet sie auch in Nüssen, wobei ein hoher Nusskonsum eine hohe Menge an Omega6 Fettsäuren enthält, was Entzündungen, gerade der Schilddrüse, verstärken kann. Eine Substitution ist vielleicht besser.

  • Defizite beseitigen nach Analyse von intra- und extrazellulären Mikronährstoffen. Bei Jodmangel Meeresalgen.

  • Ashwaganda, Basilikum, sibirischer Ginseng, Rhodeola, Maca, Suma, Myrrhe

  • Vitamine B2 und B3

  • Vitamin A

  • Antioxidantien wie Astaxanthin, Resveratrol, Xanthohumol

  • Barfuß auf der Erde laufen, sich erden mit Erdungsmatten im Bett und am Arbeitsplatz, immer wieder kurz in die Sonne sehen und leicht mit den Fingerkuppen auf die Schilddrüse klopfen sind Maßnahmen, die nicht wissenschaftlich er wiesen sind aber in Berichten immer wieder als positiv wirkend überliefert werden und aus alternativmedizinischer Sicht Sinn machen.

Das Ganze kann man aber vielleicht noch anders betrachten: es gibt die Theorie, dass ein erhöhter Stoffwechsel zu schnellerer Alterung führt - im Tiermodell leben kleinere Tiere mit einem hohen Grundumsatz, Hunde und Ratten z.B., nicht sehr lange, während größere Tiere mit einem niedrigen Metabolismus wie Schildkröten problemlos einhundert Jahre alt werden können.

Die Konsequenz ist also: niedrigere Schilddrüsenhormone bedeutet weniger Wärme, ein kühlerer Körper. Das ist als ob man sein Gemüse im Kühlschrank lagert - es bleibt länger frisch. Man lebt zwar länger aber sitzt nur herum, tut nicht viel und hat immer einen Pulli an - das klingt nicht sehr aufregend.

Auf der anderen Seite hat eine aktivere Schilddrüse, die ein wenig mehr Hormone als nötig produziert den Effekt, dass man ordentlich feuert. Das beschleunigt zwar das Altern, aber man hat die Kraft und Energie um es krachen zu lassen. Es gibt einen amerikanischen Spruch:

"Das Leben sollte keine Reise zum Grab sein mit der Absicht, sicher und in einem gut erhaltenen Körper anzukommen, sondern man sollte eher in einer Staubwolke seitwärts angeschlittert zu kommen, komplett verausgabt und laut jauchzend: "Yahoooo! Was für ein Ritt!!!"

Erzählen Sie bitte meinen Patienten nicht, dass ich je so etwas gesagt habe!


Vita:

Barbara Miller ist ganzheitliche Ärztin mit Sitz in Berlin, spezialisiert auf vegane Rohkostmedizin, Darmsanierung, Energetische Therapien und Bioidentische Hormonmedizin

www.praxis-am-koenigssee.de
Tel., 030/89005559