VORWORT

Vor gut 150 Jahren, als Antwort auf die immer mehr um sich greifende Industrialisierung, entwickelte sich im deutschsprachigen Raum die Lebensreformbewegung. Unter dem Motto "Zurück zur Natur" strebten Vertreter der Bereiche Naturkost, Körperkultur, Ökologie und Naturheilkunde eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen an. Bis heute finden die damals entwickelten Lebenskonzepte großen Anklang in der Bevölkerung. Einer der Hauptakteure, die reformerisches Wissen in unser neues Jahrtausend geleiteten, war Helmut Wandmaker. Aus der deutschsprachigen Rohkostbewegung ist sein Name nicht mehr wegzudenken.

Bei der Verbreitung der veganen Rohkost ab den 1980er Jahren nahm der Kaufmann Helmut Wandmaker eine zentrale Stellung ein. 1916 im schleswig-holsteinischen Schalkholz/Dithmarschen geboren, wurde er nach dem Abitur 1937 zum Reichsarbeitsdienst und anschließend zum Militär eingezogen. Ein zwischenzeitlich begonnenes Ingenieurstudium musste er kriegsbedingt abbrechen. Der Verlauf des Krieges und die anschließende Gefangenschaft forderten ihm etliche, zum Teil schwere Verletzungen und Infektionskrankheiten ab, von denen er sich nach seiner Kriegsheimkehr nicht mehr richtig erholen konnte. Wieder zu Hause, machte sich Wandmaker im schleswig-holsteinischen Tellingstedt mit einer Lebensmittelhandlung seiner Mutter und den seiner Schwiegereltern selbständig, die er in den folgenden Jahrzehnten zu einer beachtlichen Supermarktkette ausbaute.

Aufgrund seiner im Laufe des Krieges und der Gefangenschaft erlittenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen begann Wandmaker, sich nach seiner Heimkehr näher mit Gesundheitsfragen zu beschäftigen. Anfang der 1950er Jahre wurde er zum Vegetarier. Im Schaufenster eines Kieler Reformhauses sah er die Vorankündigung der deutschen Erstausgabe (anno 1948) von Are Waerlands Buch "Befreiung aus dem Hexenkessel der Krankheiten". Er besorgte sich diese und begann, sich nach dessen Lebens- und Ernährungskonzept auszurichten. Fortan besuchte er auch von Waerland veranstaltete Seminare. "Ich habe mindestens 17 Jahre lang nach diesen Prinzipien gelebt. Ich machte gegenüber der früheren "gutbürgerlichen" Kost schon große Fortschritte, aber ich wurde den Schleim nicht los und bekam sogar eine Lungenentzündung", berichtete Wandmaker.

Während eines USA-Aufenthaltes 1962 bekam er als Nachtlektüre ein Buch des Ehepaares Georg und Doris Farthmann an die Hand, das auf den Lehren von Arnold Ehret und Norman Walker, einem Protagonisten der Natural Hygiene (NH), basiert. "Am nächsten Tag führte mein Weg ins Reformhaus, wo ich weitere Bücher von Ehret und auch Dr. Walker erstand", erzählte Wandmaker. Besonders die Erkenntnisse von Arnold Ehret sollten ihn stark beeinflussen. Ehret, der aus dem Schwarzwald stammte und im Erstberuf Kunstlehrer war, machte gute Erfahrungen mit reiner Rohkost, die ihn zur Abheilung zahlreicher Krankheiten führte. In der Folgezeit in die USA emigriert, gelang es ihm, im Austausch mit anderen Rohkost- und Fastenfachleuten, sein Wissen zu vertiefen und letztendlich sogar, eine eigene Fastenklinik zu eröffnen.

Die Ernährungs- und Lebensführungskonzepte Ehrets und der Natural Hygiene, deren Verbreitung sich zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen auf die USA und die englische Sprache beschränkte, begannen fortan, Wandmakers Ansichten zunehmend zu prägen. Es folgten etliche USA-Aufenthalte, die Wandmaker dazu nutzte, sich an Ort und Stelle mit der alternativen Gesundheits- und NH-Szene vertraut zu machen, sowie sich mit entsprechender Literatur zu versorgen.

Von den Ernährungs- und Lebensführungskonzepten Ehrets, Walkers, der Natural Hygiene und der deutschen Ärztin Johanna Budwig inspiriert, arbeitete Wandmaker an einem eigenen Buch, das er 1975 unter dem Titel "Dick & krank oder schlank & gesund?" veröffentlichte und das er als geeignet für den Übergang zur reinen Rohkost ansah. In seinem Erstlingswerk ist noch der gelegentliche Konsum von Fisch und Fleisch sowie Milchprodukten erlaubt. Sein zweites Buch mit dem Titel "Willst Du gesund sein, vergiss den Kochtopf!" erschien erstmals im Jahre 1987 und avancierte mit bisher über 120.000 Exemplaren zu einem großen Verkaufserfolg. Zweimal, 1996 und 1998, wurde das Buch auch in slowenischer Sprache aufgelegt. Kernaussage des Buches ist die gesundheitsgefährdende Wirkung der, wie Wandmaker sie nennt, "gbK", der "gutbürgerlichen Kost". Das ist seiner Ansicht nach eine Ernährung mit falsch ausgesuchter, zusammengestellter, gegarter oder tierischer Nahrung. Zur Lösung des Problems verweist er auf die Heilkraft roh verzehrter pflanzlicher Lebensmittel: "Auf dieser Welt gibt es nur eine Ursache aller Leiden und das ist der Abfall der Menschheit von roher Nahrung. Das ist der wahre "Sündenfall". Wir sind in unserer Entwicklung auf Rohkost aufgebaut! Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dieser Erde, das seine Nahrung kocht, nach der Entwöhnung von der Muttermilch weiter Milch trinkt und Medikamente einnimmt. Kehre deshalb zurück zur gesunden Urkost, dann verschwindet sofort Dein Übergewicht. Du wirst superschlank ohne Hungerkuren und bleibst es auch. Dein Blutdruck sinkt auf Idealwerte. Fett- und Cholesterinspiegel im Blut fallen. Du kannst das Kalorienzählen vergessen. Der Kleister (Schleim, Schlacken, Abfallstoffe) aus dem ganzen Körper verlässt Dich über die Bronchien, den Rachen und die Nase in Massen. Aber dann hast Du niemals wieder Erkältungen und Kopfschmerzen. Du wirst Deinen Körper nicht mehr spüren, so leichtfüßig und behände wirst Du. Du wirst Dich unbändiger, robuster Gesundheit erfreuen, wenn Du nur eine Gewohnheit ablegst: Die falsche Ernährung! 99,9 Prozent aller Krankheiten sind von der richtigen Lebensweise abhängig. Dazu sind Disziplin und Mut erforderlich. Unbändige, robuste Gesundheit sind der Lohn, Du fühlst Dich 20 Jahre jünger, das Kalenderalter zählt nicht mehr."

Wandmaker plädierte für eine vegane Rohkost, zusammengestellt aus etwa 75 Prozent Obst, 20 Prozent Gemüse und zirka 5 Prozent Nüssen und Samen. Zu einer zusätzlichen Flüssigkeitszufuhr neben der ohnehin bereits stark wasserhaltigen Kost empfahl er bei Bedarf Obstsäfte und destilliertes Wasser. Ende der 80er Jahre folgte dann, das Umkehrosmoseverfahren. Typisch für zahlreiche Anhänger der NH, verweist auch Wandmaker auf die besonderen Regeln der Nahrungsmittelzusammenstellung nach dem Arzt Dr. Howard Hay, dem Entwickler der sogenannten Trennkost, sowie die Nahrungsaufnahme aufbauend auf den natürlichen Tagesrhythmus nach Are Waerland.

In seinem letzten Buch "Rohkost statt Feuerkost - Wahre Gesundheit durch natürliche Nahrung", das 1996 erschienen ist, modifiziert Helmut Wandmaker einige seiner bis dahin bekannten Empfehlungen. Zum einen erklärt er den Verzehr von Pellkartoffeln trotz des durchlaufenen Garungsprozesses für gesundheitlich unbedenklich, da diese dennoch als basenbildend einzustufen seien und daher in kleinen Mengen und in der richtigen Kombination mit anderen Lebensmitteln nicht gesundheitsabträglich seien. Zum anderen zieht Wandmaker, bis dato als Verfechter einer möglichst naturgemäßen Ernährung bekannt, nun auch die Einnahme von Mineralstoff- und Vitaminsupplementen aufgrund von anbau-, umwelt- und transportbedingter Inhaltsstoffminderungen pflanzlicher Nahrung in Betracht. Bisher wurden rund 40.000 Exemplare seines dritten Buches verkauft.

Neben seinen Buchveröffentlichungen hat Wandmaker bis zu seinem 85-jährigen Geburtstag auch Ernährungsseminare angeboten, die er immer unentgeltlich abhielt. Des Weiteren war Wandmaker Mitte der 1980er Jahre mitbeteiligt an der Gründung des Waldthausen-Verlages, indem er seinen Freund, den Fabrikanten und GGB-Gesundheitsberater nach Dr. Maximilian Otto Bruker, Manfred G. Langer, zur NH-Lebensweise und später zur Gründung des Waldthausen-Verlages bewegen konnte. Das Waldthausen-Verlagsprogramm umfasst Werke zahlreicher US-, aber auch europäischer Autoren zum Thema Gesundheit und Ernährung, insbesondere der Natural Hygiene, die so zu einem Großteil erstmalig auf dem deutschsprachigen Markt Verbreitung finden konnten. Zum weiteren Unternehmensumfang der Waldthausen-Gruppe gehörte das Kolleg "Fit fürs Leben" mit gesundheitsberatenden Ausbildungsangeboten, ein Versandhandel mit Utensilien für eine NH-gerechte Lebensweise, zum Beispiel mit Wasserreinigungsautomaten, Dörrgeräten und Entsaftern, sowie einer eigenen Zeitschrift mit dem Titel "Fit fürs Leben".

Als sich im Jahre 1999 kein geeigneter Nachfolger für Manfred G. Langer zur Verlagsleitung finden ließ, wurden die Rechte für den Waldthausen-Verlag Ritterhude an den Natura-Viva-Verlag in Weil der Stadt veräußert, der weiterhin das bestehende Verlagsangebot als Edition "Waldthausen" mit dem charakteristischen Themensortiment führt und ausbaut. Zur Sicherung des Fortbestandes seiner Arbeit in der Zukunft gründete Wandmaker im Jahr 2000 die Helmut Wandmaker-Stiftung.

Auch wird seitdem die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift WA-Aktuell herausgegeben. Das Magazin, das Helmut Wandmaker "Arnold Ehret, dem großen deutschen Fasten- und Rohkostpionier" widmete, wird nun ihm selbst zuteil. Hier fügen sich Beiträge von Fachautoren, eine Kontaktplattform für Rohköstler, sowie Erfahrungs- und Selbstheilungsberichte veganer Rohköstler zusammen. In dieser Publikation lässt sich der funktionell-gesundheitliche Aspekt als wesentliche Triebfeder für die von ihm propagierte Ernährungsweise ausmachen. Die Redaktion bezieht sich jedoch am Rande auch auf ökologische, weltökonomische, sowie ethische, moralische und ästhetische Themen.

Im Kreise seiner Familie verstarb Helmut Wandmaker 90-jährig im Jahr 2007. Mit ihm ist einer der entscheidenden Verbreiter des Naturkostgedankens von uns gegangen. Er wird in unserer aller Erinnerung bleiben, und sein Gedankengut wird durch WA-Aktuell weiterleben.