Diagnose: MS - Multiple Sklerose

03.05.2018

Sophie Bachem schreibt in WA Aktuell: Ich wurde 1983 in Leipzig geboren. 2013 diagnostizierte man mir Multiple Sklerose. Bis dahin wusste ich nicht, was das ist. Es folgten Wochen und Monate des Grauens, bis ich schließlich die Lösung in der roh-veganen Ernährung fand. Lesen Sie hier meine Geschichte:

MS - zwei Buchstaben für eine Krankheit, die Ärzte und Wissenschaftler trotz intensiver Forschungen noch immer vor Rätsel stellt. Sie sprechen von Encephalomyelitis disseminata (ED), einer chronisch-entzündlichen Erkrankung, bei der die Myelinscheiden im zentralen Nervensystem angegriffen werden. Entsteht ein Entzündungsherd im Bereich dieser Schutzschicht, werden Botschaften nicht richtig übertragen. Das führt zu Kribbeln und Taubheitsgefühlen, Stolpern oder Schwierigkeiten beim Sehen.

Nach Schätzungen der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) wird in Deutschland bei rund 2500 Menschen im Jahr MS neu diagnostiziert. Die Diagnose ist nicht einfach, oft wird die MS zu spät erkannt, weil die Symptome anderen Krankheiten ähneln. Oder es wird MS und behandelt, obwohl die Patienten es gar nicht haben. Die Auto-Immun-Erkrankung wird nicht direkt übertragen, ist weder ansteckend noch tödlich. Aber es gibt Hinweise auf Vererbung, weil sie in den Ländern und ethnischen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich häufig vorkommt. Es ist aber keine klassische Erbkrankheit, die von den Eltern auf die Kinder übertragen wird. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Als Ursachen für MS kommen kindliche Infektionen mit Erregern des Epstein-Barr-Virus, Herpes- oder Masern-Virus in Betracht. Aber auch Vitamin-D-Mangel, Umweltgifte, Rauchen, Übergewicht im Kindesalter und eine ungünstige Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm, möglichweise verursacht durch Antibiotika. MS entsteht wahrscheinlich schon in der Kindheit, wenn sich das Immunsystem heranbildet und bricht dann im Alter zwischen 20 und 40 Jahren aus. MS verläuft in 80 Prozent der Fälle in Schüben, kann sich aber auch chronisch-voranschreitend entwickeln. Seelische und körperliche Belastungen können einen Schub auslösen. Im akuten Fall geben Ärzte hochdosierte Kortisonpräparate, die große Nebenwirkungen haben. Für die Langzeittherapie werden Interferon-beta-Präparate eingesetzt. Dass es auch anders geht, berichtet Sophia Bachem in WA Aktuell, die die MS-Erkrankung mit Rohkost in den Griff bekam.

Bei mir wurde 2013 Multiple Sklerose diagnostiziert. Bis dahin wusste ich nicht, was das ist: das eigene Immunsystem greift Nervenbahnen an, zerstört deren Hüllen und verhindert dadurch das Weiterleiten von Informationen. Das klingt skurril und ist es auch. Es bedeutet im drastischen Fall, dass man eines Morgens aufwacht und wie ein Querschnittsgelähmter nichts mehr tun kann, außer im Bett liegend vor sich hin zu vegetieren. Das macht große Angst, denn die Spanne bis dahin ist nicht weniger gruselig. Niemand kann einem sagen, was als nächstes geschieht, wann und wie schlimm es wird und ob sich die Symptome zurückbilden oder nicht. Es ist quasi wie russisches Roulette täglich beim Aufwachen. Man weißt nie, ob man gesund ist oder ob sich das Leben einmal komplett ändert. Je mehr man liest, desto schrecklicher wird es. Genauso fühlt man sich als frisch Diagnostizierter, der keine Ahnung davon hat, was die Krankheit bedeutet, und da die Ärzte einem auch keine klare Auskunft geben (können), macht das die ganze Geschichte noch schrecklicher. Jedenfalls für mich war die Ungewissheit das allerschlimmste. Ich hätte alles besser verkraftet, wenn ich eine Art Fahrplan gehabt hätte. Denn diese Ungewissheit trieb mich, wie viele andere, direkt in eine Depression. Das ging so weit, dass ich dagegen Medikamente nehmen musste, weil ich sonst sicher gar nichts mehr geschafft hätte.

Erster Schub in den Sehnerv

Mein erster Schub, so nennt man die Manifestation der Ausfallerscheinungen, ging in den rechten Sehnerv. Das bedeutete, ich sah nur noch wie durch eine Mullbinde, ich hatte keine kompletten Blickfeldausfälle, sondern es war hier und da dunkler, ich konnte die Farbe Rot nicht mehr so intensiv sehen, wie mit dem anderen Auge, grelles Rot war ein ganz dunkles Bordeaux, eher schon ins bräunliche gehend, und beim Fokussieren merkte ich, wie der Muskel/Nerv gereizt seinen Dienst verrichten musste. Ich wurde im Krankenhaus mit den üblichen Untersuchungen malträtiert, dazu gehörten eine dreitägige intravenöse Kortisonbehandlung, mehrere MRT-Untersuchungen, eine Lumbalpunktion, dabei wird aus dem Rückenmark Gehirnwasser gezogen, indem eine Nadel zwischen zwei Wirbel im unteren Rücken gestochen wird. Das ist mindestens so unangenehm, wie man sich das vorstellt. Ich merkte richtig, wie das Wasser aus dem Kopf im Rückenmark runterlief, das war ein Gefühl, das möchte ich nicht noch einmal erleben müssen. Und ungefährlich ist es auch nicht. Ich hatte jedoch einigermaßen Glück und außer höllischen Kopfschmerzen für etwa fünf Stunden keine weiteren Schäden davongetragen. Es gab unzählige Blutuntersuchungen auf fast alle Eventualitäten, jedenfalls: Tests mit und ohne Strom, mit und ohne Computer, mit Laufen, im Stehen und Sitzen und vieles mehr. Es war keine angenehme Zeit und deswegen war ich auch froh, schnell wieder gehen zu können. Unglücklicherweise stand in der Woche nach meiner Krankenhausentlassung mein Umzug an, den ich allein stemmen musste, da ich mich ein paar Monate zuvor von meinem Mann getrennt hatte. Das "Schonen Sie sich und erholen Sie sich!" der Ärzte konnte ich somit nicht umsetzen. Da die Symptome zurückgegangen waren und der positive stimmungsaufhellende Effekt des Kortisons noch anhielt, war ich ganz guter Dinge und versuchte alles so langsam und gemütlich wie irgend möglich zu tun. Nach einer knappen Woche, war ich wieder in der Arbeit, doch dann ging alles wieder von vorn los: Sichtfeldeinschränkungen, Rot war wieder nur als Dunkelrot erkennbar und der Sehnerv/Muskel tat wieder weh. Ich suchte mir also einen Neurologen, ging in seine Akutsprechstunde und schilderte ihm mein Befinden. Schnell war die Entscheidung getroffen: nochmal Kortison. Ich hatte ja beim ersten Mal sehr gut darauf angesprochen. Es waren seit der ersten Gabe erst drei Wochen vergangen. Diesmal ging das ganze ambulant, direkt im Nebenzimmer wurde ich an den Tropf gehängt und das "Teufelszeug" wurde wieder intravenös drei Tage hintereinander in den Körper gepumpt. Selbstverständlich ging ich, pflichtbewusst wie ich nun mal war, danach zur Arbeit. Ich fühlte mich schnell ganz grauenhaft und ganz anders, als nach der ersten Infusionstherapie. Am dritten Tag bat ich um einen Krankenschein, woraufhin ich erfuhr, dass man mit Kortison gar nicht arbeiten dürfte. Nach dem dritten Tag der Infusion und dem irgendwie Heimkommen mit Bus und Bahn (Autofahren unter Kortison ist sehr gefährlich, weil man kognitiv sehr langsam reagiert) legte ich mich direkt hin und dann begannen die schlimmsten zwei Wochen, die ich bis dahin erleben musste. Am nächsten Tag startete ein kalter Entzug. Mein Körper reagierte ganz unüblich sehr extrem auf das "Absetzen" des Kortisons. Die wichtigsten Symptome waren Zittern und Schwitzen, alle Lymphknoten waren geschwollen, ich konnte weder liegen, noch sitzen, hatte schreckliche Gliederschmerzen mit migräneähnlichen Kopfschmerzen, war zu schwach, um allein ins Badezimmer zu gelangen und musste das ein oder andere Mal getragen werden. Dazu kam die Depression vom Anfang der Diagnose, die das Gesamtbild abgerundet hat.

In schlechter körperlicher Verfassung

Nachdem ich einigermaßen wieder in der Lage war, mich in ein Wartezimmer zu schleppen, stattete ich dem Neurologen einen Besuch ab, und der konnte sich meine körperliche Verfassung so gar nicht erklären, denn "sowas ist völlig unüblich und kommt auch selten vor". Nach etwa vier Monaten war ich wieder einigermaßen lebensfähig, integrierte mich langsam nach dem Hamburger Modell ins Arbeitsleben und beschloss, dem Rat des Arztes zu folgen und eine Basistherapie anzufangen. Damit versucht die Schulmedizin, die MS zu unterdrücken. Es gibt mittlerweile viele Präparate, die man spritzen oder einnehmen kann. Ich entschloss mich aus verschiedenen Gründen für die Spritzen. Es wurde tatsächlich schnell alles anders, aber es war nichts Gutes. Durch die Betainterferone, die ich mir alle zwei Tage spritzen musste, bekam ich spätestens zwei Stunden nach jedem Spritzen unter anderem folgende Nebenwirkungen: migräneartige Kopfschmerzen, Schüttelfrost und andere grippeähnliche Symptome. Dadurch, dass ich es vor dem Schlafengehen gespritzt habe, um die Symptome zu "verschlafen", was nicht funktioniert, stand ich morgens mit dem Gefühl auf, das man bei einer Grippe hat. Mir war schwindelig, ich hatte Gleichgewichtsstörungen und war kraftlos. Dazu kommt, dass diese Spritzen die Depression verstärkten, was hinlänglich bekannt ist. Außerdem bekam ich Neurodermitis einschließlich blutig gekratzten Rücken, Armen und Beinen. Ich musste bereits nach einer Woche zu den Spritzen ein Antidepressivum nehmen und entschied mich für Johanniskraut, da ich schon genug Chemie im Körper hatte und nicht noch mehr wollte. Der Tag, an dem man nicht spritzt, der ging eigentlich, es war wie das Luftholen vor dem nächsten Abtauchen in eine Welt voller Qualen und Pein. Ich hielt das ganze drei Monate aus, dann war ich psychisch und körperlich so am Ende, dass ich nicht mehr abdrücken konnte, um das Medikament zu injizieren. Außerdem fand ich kaum noch eine freie Stelle an meinem Bauch, der ohne rote Flatschen und der subkutanen Verhärtung durch das Malträtieren mit der Nadel war. In den Oberschenkel spritzte ich nur einmal, das war so schmerzhaft, dass es als Alternative nicht mehr in Frage kam. Als ich während dieser drei Monate selbstgewählter Folter auf mein Leben schaute, konnte ich es kaum fassen, in welcher Situation ich da gerade steckte. Ich ruinierte mir meine Gegenwart, um mir vielleicht und das ohne Garantie, eine bessere und schubärmere Zukunft zu schaffen, wie absurd. Ich begann mich nach alternativen Behandlungsformen im Netz umzuschauen und habe nach und nach Menschen gefunden, die ohne jegliche Medikamente, nur durch eine Ernährungsumstellung schubfrei sind, was für mich die Definition von geheilt ist. Doch um ehrlich zu sein, habe ich Zeit gebraucht, um den Gedanken an eine radikale Ernährungsumstellung auf vegane Rohkost umzusetzen. Mein erster Gedanke war, das nicht zu schaffen, der zweite war, doch nicht den ganzen Tag nur Möhren futtern zu können. Und dann der dritte: ich kann ja nie mehr mit jemandem Essen gehen. Doch am Ende überzeugte mich, dass ich dann nicht eines Tages im Rollstuhl sitze oder hilflos im Bett liegen muss. Ich wollte es versuchen, denn ich sah, dass es meine Chance sein könnte, gesund zu werden.

Medikamente zurück an den Neurologen

Ich gab die Medikamente meinem Neurologen zurück, wollte auch keine Tabletten im Tausch und erklärte ihm lächelnd, dass ich meine Ernährung umstellen wolle, auf vegane Rohkost. "Wenn Sie keine Basistherapie machen und der nächste Schub ins Rückenmark geht, dann sitzen Sie im Rollstuhl", war seine Reaktion. Doch ich sagte, dass er mir auch trotz BT nicht garantieren könne, dass der nächste Schub ausbleibe und nicht ins Rückenmark gehen würde.

Start in die vegane Rohkost

Der zweite März 2014 war mein erster Tag als vegane Rohköstlerin, und seitdem weiß ich nicht wohin mit meiner Energie. Meine Depressionen wurden von Woche zu Woche weniger und ich konnte das Johanniskraut absetzen. Die Neurodermitis schritt von Monat zu Monat zurück und heute kann ich sagen, ich habe sie völlig im Griff. Ich spürte, wie das Leben wieder in meinen Körper zurückkam, ich neuen Lebensmut schöpfte und es wieder einen Sinn zu haben schien, dass ich am Leben war. Ich fasste einen Entschluss: ich werde Heilpraktikerin. Zum einen wollte ich verstehen, was in meinem Körper nicht richtig funktionierte und warum ich reagierte, wie ich reagierte. Zum anderen keimte in mir der Gedanke auf, anderen von MS betroffenen Menschen in derselben Situation helfen zu wollen und zu müssen. Ich habe mich an einer Fernschule angemeldet und bin auf meinem Weg. Nachdem ich nun seit gut eineinhalb Jahren roh-vegan esse, bin ich mir über zwei Dinge ganz im Klaren: erstens hat die Entscheidung auf Rohkost umzustellen mir vermutlich das Leben gerettet und zweitens habe ich mich vorher noch nie so gut gefühlt, noch nie so gut gelebt, geliebt und geglaubt, wie ich es seitdem tue. Seit Juni 2015 habe ich mich als Ernährungs- und Lebensberaterin selbstständig gemacht und möchte den Menschen helfen, ihren Weg zur Gesundheit zu finden. Ich spezialisiere mich auf Autoimmunerkrankungen, da ich mir sicher bin, dass es viele Betroffene gibt, denen es mit einer Ernährungsumstellung wesentlich besser gehen und denen geholfen werden kann, symptomfreier oder -frei zu leben.

Einmonatige Glutenfrei-Challenge

Im Oktober 2015 habe ich gemeinsam mit einigen anderen Organisatoren die einmonatige Glutenfrei-Challenge ins Leben gerufen, die in WA-Aktuell Nr. 95 vorgestellt wurde. Die Teilnehmer konnten sich den gesamten Monat über unzählige Themen rund um "Gluten" informieren und gleichzeitig live die Challenge mitmachen, durch die über 400 Rezepte, die wir zur Verfügung stellten. Die positiven Rückmeldungen haben uns überwältigt. Viele Leser haben lobende Worte gefunden. Wir wollen den Menschen das Thema näherbringen und ihnen zeigen, was Gluten im Körper alles anrichtet und das nicht nur im Verdauungstrakt, sondern von Kopf bis Fuß, und das scheint uns gelungen zu sein. Bei den Web-Seminaren, die ich wöchentlich gehalten habe, bekam ich regelmäßig die Bestätigung von Teilnehmern, dass die glutenfreie Lebensweise einige Symptome gelindert habe, und das bereits nach ein paar Wochen. Ich empfehle jedem, sich auf das Experiment einzulassen, denn es lohnt sich.

MS-Kongress mit Erfahrungsaustausch

Im zweiten Quartal 2016 wird ein MS-Kongress starten, er ist kostenfrei und wird hoffentlich die größte Plattform für Erfahrungsberichte von MS-Betroffenen im deutschsprachigen Raum. Für dieses Projekt konnte ich schon viele Referenten gewinnen, die über ihre Geschichte mit dieser heimtückischen Krankheit berichten. Viele vegane und rohköstlich lebende Blogger werden über ihre unglaublichen Heilungserfolge sprechen, Ärzte und Heilpraktiker einige Fragen beantworten, aufgrund der Umfrage, welche ich ins Leben gerufen hatte, von Betroffenen und deren Angehörigen. Dieses Herzensprojekt ist mir ein großes Anliegen und ich wünsche mir, dass es vielen dann nicht mehr so geht, wie es mir erging, nach der Diagnose einsam in ein Loch zu fallen, sich allein zu fühlen, in den falschen Foren zu suchen und mit den falschen Menschen zu umgeben, sondern neuen Mut zu schöpfen und zu sehen, dass das Leben mit MS lebenswert ist. Für mich ist diese Krankheit mittlerweile ein Geschenk. Ich bin so dankbar dafür, dass ich erkennen durfte, wie ungesund ich vorher gelebt habe, wie unbewusst ich vor mich hingelebt habe und wie großartig und wunderbar (m)ein Leben mit veganer Rohkost ist. Ich habe mich auf jeder Ebene so rasant weiterentwickelt und mittlerweile stehen mir so viele Türen offen, dass ich manchmal gar nicht fassen kann, wie blind ich vor meinem Lebenswandel war. Die vegane Rohkost hat mir ein neues, erfülltes Leben geschenkt. Ein Leben vollen Bewusst-Seins und voller Spiritualität. Endlich habe ich verstanden, wie Körper, Geist und Seele zusammenhängen, dass sie überhaupt zusammenhängen und, dass man nicht genesen kann, wenn diese drei im Ungleichgewicht sind. Wir bilden eine Einheit aus Körper, Geist und Seele und der Körper ist der Tempel unserer Seele, wenn wir den Tempel nicht ehren, indem wir mit schlechten konditionierten Ernährungsgewohnheiten das Fundament bröckeln lassen, dann stürzt unser Tempel zusammen. (Sophia Bachem/Rudolf K. Wernicke Fotografie) www.vegane-rohkost.de

*Veröffentlichung aus WA Aktuell: Jahrgang 2016